Jürgen Schampel

Weltwirtschaftliche Fragen

Auszug aus Nachhaltige Beschäftigungspolitik (4. Kapitel)

Die westliche Wertegemeinschaft muß sich im Übergang zum 21. Jahrhundert endgültig damit abfinden, daß Kolonialismus und Imperialismus ein für allemal der Vergangenheit angehören. Einstige Entwicklungsländer sind auf vielen Sektoren zum konkurrenzfähigen Mitbewerber geworden. Die alten Industriestaaten können aber dennoch eine hervorragende Stellung im Weltgefüge spielen. Je mehr sie sich vom alten Modell der kapitalistischen Marktwirtschaft lösen, desto mehr fällt ihnen eine neue Vorreiterfunktion zu: Neben weltweitem Engagement für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte (wie bislang USA) und weltweitem Engagement für Umwelterhaltung und Entwicklungshilfe (wie bislang Westeuropa) kommt ihnen die Aufgabe der „Missionstätigkeit“ zu, sozial- und ökoverträgliche Systeme der High-Tech-Wirtschaft zu initiieren, zu etablieren und zu fördern. Ihre eigentliche Herausforderung besteht darin, eine globale Wirtschaftsordnung auf den Weg zu bringen, welche die Probleme des High-Tech-Kapitalismus für alle Staaten nachhaltig löst.

Es ist zutiefst fragwürdig, ob eine lebenswerte Zukunft anders jemals zu erreichen ist. Es ist zweifelhaft, ob ein Umdenken dazu ausreichend ist. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob nicht tiefgreifendes und weitreichendes Neudenken gefordert ist. Die Fortschrittsideologie des Kommunismus ist an Systemschwächen zugrundegegangen. Seither nähert sich der Kapitalismus in beängstigender Form wieder den von Marx beschriebenen Verlaufsformen: vehemente Steigerung der internationalen Konkurrenz unter Bedingungen des tendenziellen Falls der Pofitrate mit der Folge weiter Globalisierung und Konzentration des Kapitals (Fusionen, Joint-Ventures, Monopolisierung).

Der eventuell weitere Aufstieg neuer Industriestaaten (vor allem China und Osteuropa) wird diesen Prozeß weiter anheizen - und in den Aufsteigerstaaten mit wachsendem Wirtschaftserfolg vergleichbare Strukturkrisen erzeugen. Dies gilt um so mehr als die Ausnutzung des Billiglohnland-Vorteils nur solange rentabel bleiben wird, bis die Roboterisierung komlexer Handarbeiten ebenfalls zu günstigsten Investitionskosten möglich sein wird (Textilien, Teppiche, Nachbildung von Antiquitäten usw.). Denn die Roboterisierung wird die Produktion solcher Teiltätigkeiten entweder in Länder mit besserer Infrastruktur und der Verfügbarkeit über hochqualifizierte Arbeitskräfte (Ausbildungssystem) zurückverlagern oder aber die Gesamtproduktion in noch billigere, strukturgleiche Standorte auslagern. Sprachkenntnisse (international relevante Geschäftssprachen), technische Qualifikation und Rohstoffnähe werden dabei aufgrund des hohen Automatisierungsgrads die Faktoren sein, welche den Hauptausschlag geben.

Weltwirtschaftskrieg?

Edward N. Luttwack hat 1993 in „Weltwirtschaftskrieg“ eindrucksvoll beschrieben, wie Newcomer-Staaten, allen voran Japan, das blauäugige, weil selbstherrliche, Verständnis des Westens bezüglich des freien Welthandels durch gezielte protektionistische und offensive Marktstrategien für den Aufbau eigener Industrien zu nutzen wußten. Diese Ideologie hat die US-Wirtschaft nicht unwesentlich geschwächt, da sie die Führerschaft in Branchen wie z.B. der Unterhaltungselektronik und dem Kamerabau zugunsten japanischer Konzerne verloren hatte - und die USA damit Arbeitsplätze und Kaufkraft einbüßten: Die Tatsache, daß die Newcomer sich nicht an die vom Westen propagierten Spielregeln des freien Welthandels hielten, veranlaßte Luttwack den entfachten globalen Weltstreit zwischen Newcomer- und klassischen Industriestaaten als „Weltwirtschaftskrieg“ zu bezeichnen. Luttwack wollte damit nicht zum Dritten Weltkrieg aufrufen, sondern die Amerikaner vor der Möglichkeit warnen, daß eine ungezügelte Freihandels-Ideologie letztlich zum Ausverkauf der eigenen Nation führt. Seine Botschaft lautet: Nur wenn die Amerikaner ihre Freihandels-Ideologie änderten, könnten sie weitere Einbrüche vermeiden:

„Als die Japaner die westliche Textilindustrie zerstörten, empörten sich nur die Betroffenen. Die anderen trösteten sich mit der Hoffnung: „Schiffe in unserer Qualität werden ihnen niemals gelingen.“ Als sie dann die Werften in Europa und in den USA bankrott konkurrierten, war man überzeugt, Autos wie die unseren würden sie niemals herstellen können. Als sie in Amerika die Autoindustrie in die Enge trieben, redeten die Amerikaner sich ein, daß sie in der Hochtechnologie oder im Bankwesen unschlagbar seien. Die neueste Illusion, mit der niemand geringerer als der ehemalige amerikanische Arbeitsminister Robert Reich seinen Landsleuten schmeichelte, geht davon aus, daß die Amerikaner auf den Gebieten der kreativen Dienstleistungen (Informationstechnologie, Unterhaltungsindustrie etc.) auch in Zukunft führend sein werden. Aufgrund aller bisherigen Erfahrungen scheint diese Hoffnung unbegründet zu sein. Glücklicherweise - denn eine Welt friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern wird es nur geben, wenn alle Menschen aufgrund ihrer Leistungen einen ebenbürtigen Rang einnehmen können.“ [51]

Freilich sollte dieses ebenbürtige Mit- und Nebeneinander nicht von einem Abdanken der bislang führenden Industrieländer begleitet werden. Genau dies ist aber die Perspektive, die sich am Ende des 20. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt.

Gero Jenner zieht daraus folgenden Schluß:

„Nicht, daß es globalen Handel gibt, ist neu, sondern die Art, wie er sich heute vollzieht. Die führenden industriellen Staaten, die bisher die Subjekte des Wirtschaftsgeschehens waren und den weniger entwickelten Ländern die Bedingungen des Handels mehr oder weniger aufzwingen konnten, geraten nun selbst in die Rolle von Wirtschaftsobjekten. Statt die terms of trade wie bisher anderen zu diktieren, werden nun auch ihnen die Handelsbedingungen von außen auferlegt.

Ein solcher Weltwirtschaftskrieg ist durch die rein renditeorientierte Globalisierung zweifelsohne angelegt und wird bereits praktiziert. Hier kann nur gelten: Wehret den Anfängen! Die sozial- und ökounverträgliche radikale Entfaltung neuer Binnenmärkte mit z.T. feudalen, versklavenden Methoden für beschleunigende Exportgewinne bringt die Welt zwar in Aufruhr - aber führt zu keinen echten, nachhaltigen Fortschritten. Die Strukturprobleme der High-Tech-Gesellschaften, die eben auch auf die Newcomer zukommen werden (z.T. bereits geschehen, wie die Asienkrise 1998 gezeigt hat), machen es dringend erforderlich, zu einer neuen, harmonisierten und humanisierten Form der internationalen Zusammenarbeit zu finden.“ [52]

Es ist genau diese sozial- und ökounverträgliche Weltmarktstrategie, welche den Kostenwettlauf im Rahmen der Globalisierung verursacht. Dieser Kostenwettlauf ruiniert aber nicht nur die klassischen Industriestaaten, sondern schädigt letztlich alle in den Kostenwettlauf einbezogenen Bevölkerungen. Gero Jenner fordert deshalb:

„Im Interesse der Bevölkerungen aller Staaten muß der Kostensenkungswettlauf beendet werden. Der Weltmarkt darf nicht länger ein ungezügelter Raum jenseits von Sozialrecht und Sozialordnung sein.“ [53]

Genau in diesem Sinne verlangt auch Walter Riester, daß in der neoliberalisierten Marktwirtschaft „Recht und Ordnung“ im Sinne einer tragfähigen Gemeinwirtschaft wiederhergestellt werden müssen. Damit muß im nationalen Rahmen begonnen werden. Vollenden läßt sich die Resozialisierung und Rehumanisierung nur im Zusammenhang internationaler Vereinbarungen. Beide Angriffspunkte sind beschleunigt zwecks Erhalt des inneren Friedens und des Weltfriedens anzupacken.

Zivisilationsgeschichtlich ist interressant, daß niedere Lebens­haltungskosten - vollkommen kapitalismuskonform - zum Standort­vorteil geworden sind. Anders ausgedrückt: Plötzlich ist das niedrigere Lebensniveau - vormals eherne Brandmarkung der Untere­ntwicklung und Armut - zu einem wenigstens partiellen oder vorübergehenden Aufstiegskriterium geworden.

Dies darf Menschen aller Richtungen, die sich für eine gerechtere Welt engagieren, ermutigen: Endlich kommen wenigstens einige Entwicklungsländer aus eigener Kraft und eigenem Willen zum Zuge. Das Problem ist nur: Wie werden die erfolgs- und wohlstandsverwöhnten Industriestaaten dies politisch und wirtschaftlich verkraften? Denn der Aufstieg einer zunehmenden Anzahl von Agrarstaaten zu Industriestaaten bedeutet zugleich, daß die Industriestaaten die Weltmärkte mit diesen teilen müssen - und dazu gehört zunehmend eben auch der Arbeitsmarkt. Doch ein Niedergang der alten Industriestaaten wäre auch für die neuen von Nachteil.

Nachdem Japan durch eigenen Protektionismus und gleichzeitige Ausnutzung aller Expansionsmöglichkeiten, die der freie Welthandel bietet, das Vorbild für industrielle Nachrüstung geliefert und andere Staaten zur Nachahmung ermutigt hat, ist tatsächlich ein Weltwirtschaftskrieg zwischen Nord und Süd, West und Ost latent vorbereitet worden. Positiv daran ist, daß das Zeitalter des Imperialismus bisheriger Prägung dadurch endgültig besiegelt wurde. Daraus ist aber auch eine neue Aufgabe für die Weltpolitik erwachsen: Was kann und soll man tun, um einen Weltwirtschaftskrieg im Zuge der Globalisierung zu verhindern und statt dessen eine harmonische Entwicklung aller Volkswirtschaften im Rahmen einer neuen Weltwirtschaftsordnung zu ermöglichen und sicherzustellen?

Die Hauptaufgabe dürfte darin bestehen, einen neuen weltweit gültigen Minimal-Konsens bezüglich der Frage zu finden: Wie soll das Verhältnis von nationaler Selbstversorgung und internationaler Arbeitsteilung künftig geregelt werden? Es scheint naheliegend zu sein, den Freihandel auch in den westlichen Industriestaaten zurückzunehmen - und den Weltwirtschaftsfrieden durch eine Art weltweit abgestimmten Protektionismus zu sichern. Das Ergebnis wäre eine dauerhaft überregulierte Weltwirtschaft. Gibt es dazu eine Alternative? Ohne Beantwortung dieser Frage dürfte jede zukünftige nationale Politik ins Schwimmen geraten.

Sozialverträglichkeit im globalen Übergang

Es ist alles andere als sozialverträglich, wenn Newcomer-Staaten mit feudalen Methoden (Ausbeutung von Teilen der eigenen Bevölkerung wie in Chinas Billigst-Lohn-Sklaven-Fabriken) die klassischen Märkte erobern und dort Arbeitsplätze vernichten. Durch den dadurch initiierten Brutal-Kosten-Wettbewerb wird in letzter Konsequenz ein weltwirtschaftliches Chaos erzeugt. „Entwicklungspolitik“ muß daher überdacht werden. Nach der protektionistisch geschützten erfolgreichen Attacke der Tigerstaaten gegen die Marktanteile der westlichen Industriestaaten und damit gegen deren alleinigen Führungsanspruch ist es an der Zeit, eine sozial verträgliche Weltentwicklungspolitik voranzutreiben. Deren Kernziel müßte darin bestehen, Strategien der Sozial- und Umweltverträglichkeit zu klären und deren Umsetzung durch Absprachen und Maßnahmen sicherzustellen. Es ist nach heutigem Erkenntnisstand undenkbar, daß sich West und Ost, Nord und Süd anders so weiterentwickeln können, ohne daß dabei neue oder gar unnötige Sozialunverträglichkeiten und im schlimmsten Fall Kriege entstehen.

Gelingt es China zu einer Japan vergleichbaren Industrienation aufzusteigen, werden auch hier Technologien für eine High-Level-Rationalisierung eingesetzt (Vollautomati­sierung). Mit Hilfe von exporthungrigem Kapital aus den Industriestaaten, deren gesättigte Binnenmärkte kaum noch nennenswertes Wachstum zulassen, wird dies „sprunghaft“ geschehen. Damit wird in diesen Ländern, sofern sich die industrielle Modernisierung auch auf die Landwirtschaft bezieht, sprunghaft eine kolossale Landarmut und dramatische Landflucht gezüchtet, die wegen der Automatisierung in Produktion und Verwaltung in den Städten nicht positiv aufgefangen werden kann.

Wie Rifkin und Kennedy herausgearbeitet haben, grenzt es aber an Wahnsinn, die Landbevölkerung in Indien, China, Afrika und Lateinamerika ungesteuert einer industriellen Landwirtschaftsrevolution auszusetzen. Riesenhafte Massenarbeitslosigkeit und damit verbundene Spannungen wären die Folge. Denn:

„In den reichen Ländern ist die Trennung des Bauern von seiner Scholle längst abgeschlossen; in den armen Ländern hat sie indes kaum begonnen. Die Hälfte der Menschheit lebt noch immer auf dem Land, und noch nie zuvor gab es nach Schätzungen von Henri Mendras so viele Bauern auf der Welt wie heute. China und Indien sind noch immer zu 60% bäuerlich strukturiert, in Afrika beläuft sich der Anteil der Bauern gar auf 70%.“ [54]

Diese Gefahr droht aber nicht nur durch die ungezügelte Industrialisierung der Landwirtschaft der Newcomer-Staaten, sondern auch durch die gentechnisch optimierte Landwirtschaft in den Industriestaaten:

„Land, natürliche Ressourcen und Arbeit sind seit Jahrtausenden als die Hauptfaktoren ökonomischer Produktion angesehen worden, aber diese Grundannahmen verlieren in dem Maße an Bedeutung, in dem sich die Menschheit zunehmend auf Dienstleistungsindustrien, Laboratorien und automatisierte Fabriken stützt. Angesicht der Notwendigkeit, die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, und der Existenz machtvoller Kräfte, welche sich der neuen Technologie angenommen haben, ist es unwahrscheinlich, daß die biotechnische Entwicklung entscheidend aufgehalten werden wird. Aber wir müssen uns der Aufgabe stellen, die sich daraus ergebende „Trivialisierung“ der Landwirtschaft durchzudenken, die Aussicht auf Ernten, die nicht mehr das natürliche Ergebnis der sorgfältigen Arbeit von Millionen unabhängiger Landwirte sind, sondern das Produkt jener Konzerne, welche die Samen und Embryos entworfen haben, auf denen die erwirtschaftete Biomasse beruht. Für den Verbraucher mag das genetisch hergestellte Nahrungsmittel genauso schmecken wie das natürliche; es wird in der Tat genetisch darauf angelegt, sein, genauso zu schmecken. Für die Bauern der Welt indessen wird eine solche Revolution in der Nahrungsmittelproduktion sehr vieles verändern. Wie die Weber oder Kutschenbauer des 19. Jahrhunderts drohen sie redundant zu werden.“ [55]

„Die technologischen Durchbrüche der letzten Zeit versprechen für die landwirtschaftliche Produktion Produktivitätszuwächse und Arbeitseinsparungen historischen Ausmaßes. Der Preis, den die Menschen dafür werden zahlen müssen, wird all unsere Vorstellungen noch übertreffen. Hunderte Millionen von Bauern auf der ganzen Welt werden vom wirtschaftlichen Kreislauf für immer ausgeschlossen werden. Diese Marginalisierung könnte im nächsten Jahrhundert zu weltweiten sozialen Unruhen führen und die gesellschaftlichen und politischen Strukturen von Grund auf verändern.“ [56]

Nicht übersehen sollte man in diesem Zusammenhang, daß bereits seit Jahrzehnten eine Überschußproduktion der Landwirtschaft in manchen Teilen der Welt besteht:

„Wir stehen unmittelbar vor einer Agrarkrise, die bedeutend schwerwiegender sein wird als das, was wir bisher so bezeichnet haben. Die „grüne Revolution“ (bessere Anbausorten vor allem für Weizen und Reis, chemische Düngung und Schädlingsbekämpfung, Mechanisierung) hat bereits große Teile Asiens und Südamerikas erreicht und dort Hunger und Importabhängigkeiten gedämpft. (Afrika bleibt weiterhin Ausnahmegebiet.)

Es geht zukünftig nicht mehr um eine Mangelbeseitigung, bald auch nicht mehr um das Verteilungsproblem, sondern um die Unterbringung nicht mehr finanzierbarer Überschüsse. Dies vor allem in den USA, der EG und anderen wichtigen Agrarexportländern. Die früheren großen Abnehmer (China, Indien) sind autark geworden. Auch die Nachfolgeländer der ehemaligen UdSSR können ihren Importbedarf noch im Laufe der 90er Jahre drastisch verringern. Osteuropäische Länder wie Polen und Ungarn werden ihre Waren in steigendem Umfang im Westen anbieten - und dies mit Erfolg.“ [57]

Dies macht die Dimension globaler Verantwortung sichtbar, welche erforderlich ist, wenn verhindert werden soll, daß die Weiterentwicklung technisch-wissen­schaft­lichen Fortschritts durch ungesteuerte Wirtschaftsprozesse in Unheil umschlägt, anstatt den humanen Fortschritt zu fördern und zu sichern. Gleichzeitig steigt parallel in den klassischen Industriestaaten die Arbeitslosigkeit. Ohne neuen internationalen Grundkonsens würde eine alptraumhafte weltweite politische Instabilität erzeugt.

Japans strategisch geschickter Schachzug, sich aus den Fängen des Neoimperialismus zu befreien, muß als berechtigter Befreiungsakt welthistorisch gelten gelassen werden. Auch die Aktivitäten der Nachahmer. Nur muß diese Offensivform in eine demokratisch organisierte Partnerschaft der Kontinente übergehen, deren gemeinsames Ziel eine sozial- und umweltverträgliche Weltentwicklungspolitik ist. Interessanterweise scheinen Europa und insbesondere Deutschland prädestiniert dazu zu sein, hierbei wichtige Vorreiterrollen zu übernehmen.

Es führt zu nichts, die Landbevölkerung in China, Indien, Afrika, Südamerika oder Osteuropa durch Industrialisierung oder gentechnische Lebensmittelproduktion einer dramatischen Massenarbeitslosigkeit und Armut auszusetzen. Fortschritte in der Landwirtschaft sollten deshalb weltweit vom steigenden regionalen Nahrungsmittelbedarf - nicht aber von gemeinnutz-unabhängigen Marktvorteilen abhängig gemacht werden.

Hier muß die Weltpolitik in den Weltmarkt intervenieren. Die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft muß kontrolliert verlaufen, so schmerzlich das nach reiner Marktwirtschaftslehre auch sein mag. Demgegenüber muß sichergestellt werden, daß Forschung und Entwicklung der Gentechnik, die eine Revolution menschlichen Wissens wie einst die kopernikanische Wende darstellt, unbehindert sich entfalten kann und für sinnvolle, d.h. fortschrittsfördernde, humane Anwendungen genutzt werden kann (z.B. in der Medizin). Selbst zur Produktverbesserung in der Landwirtschaft sollte sie freigegeben werden - nur nicht für eine ungezügelte volkswirtschaftsfeindliche fabrikmäßige Produktion landwirtschaftlicher Güter, welche eine Zunahme der weltweiten Massenarbeitslosigkeit und Armut zur Folge haben würde.

Es versteht sich von selbst, daß solche Regulierungen nicht einfach, sondern konfliktreich sein werden: Demokratische Verantwortungs- und unternehmerische Freiheitsansprüche werden dabei unweigerlich gegeneinanderstoßen. Aber die Herausforderung muß angenommen werden; nur sie eröffnet eine sozialverträgliche Weltfriedensordnung.

Diese Reflexionen zeigen, daß die Entwicklungsländer und die klassischen Industriestaaten wie nie zuvor darauf angewiesen sein werden eine politisch tragfähige Weltwirtschaftsordnung zu etablieren, das Überlebens- und Entwicklungschancen für die Bürger aller Staaten der Weltgemeinschaft zum gemeinsamen Ziel hat (Grund­konsens). Darin besteht die erforderliche politische „Innovation“. Dies ist die Zukunftsaufgabe der „Globalisierung“

Der Markt allein kann dies nicht regeln - dies kann nur durch hochaktive engagierte Politik, die zielorientiert-pragmatisch, nicht aber ideologisch-fundamentalistisch ausgerichtet ist, erreicht werden. Nicht in wenigen Jahren. Aber in den nächsten Jahrzehnten.

Nationale Kultur und Tradition

Die Landbevölkerung in Osteuropa, Indien, Asien, Afrika und Lateinamerika ist traditionell daran gewöhnt, sich in ihrer jeweiligen Natur und Landkultur zu erhalten. Seit vielen hundert Jahren, z.T. seit Tausenden von Jahren. Was bringt es, diese Menschen durch kurzfristige wirtschaftliche Profitinteressen und politische Machtspiele aus ihrem Lebenskontext zu reißen und in die Gesetze der globalen kapitalistischen Marktwirtschaft zu treiben, in dem man das Land mit Gewalt - d.h. gegen die Lebensgewohnheiten und gegen den Willen der Dorfbewohner - industrialisiert. Es bringt: Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut - und führt damit in kaum revidierbare soziale Konflikte und den damit verbundenen Übeln (Bürgerkrieg, nationalstaatliche Kriege bis hin zur Gefahr weltkriegserzeugender Zustände). Man sende Hilfe in diese Lebensräume (Ärzte, Lehrer, Landwirtschaftsberater, Ökologen usw.) um den Wert ihrer Kultur und Lebensweise zu steigern, anstatt die lokale Gemeinwirtschaft und Lebensform durch kurzfristige Rendite-Interessen aus den Angeln zu heben, gewaltsam durch neue, meist unwürdigere Lebensweisen zu ersetzen  und damit letztlich zu zerstören.

Subjektiv sehen die betroffenen Menschen das auch so, ob in Europa (Kleinbauern) oder in Fernost. Das Risiko für die Landbevölkerung in ehemaligen Entwicklungsstaaten, das Land zu verlassen, ist viel zu hoch - ganz abgesehen davon, daß es personelle Beziehungen zerreißt und „entwurzelt“. Jede Form der Industrialisierung ist hier „aufgesetzt“. Die massive Prostitution, der Menschen- und Organhandel in bestimmten Newcomer-Staaten sprechen Bände. Erhaltung gesunder regionaler Selbstversorgungsstrukturen und Hilfe für schwache oder kranke Selbstversorgungsstrukturen sowie deren sozialverträgliche Ökologisierung sind das Beste, was hier auf absehbare Zeit zu tun ist. Es darf nicht dazu kommen, daß die Newcomer-Markt-Staaten hohe, irreversible Arbeitslosigkeit „künstlich“ schaffen, in dem sie die Rationalisierung der Landwirtschaft (industrialisierte Massenproduktion) einführen. Es wäre angesichts der sozialen Folgen ein Verbrechen, den Landarbeitermassen per Politik und Medien einzureden, sie könnten ein besseres Leben als „Industriearbeiter“ und „Büroangestellte“ fristen. Nur wenige werden in diesen Genuß kommen; die anderen werden arbeitslos sein und ein sinnloses armseeliges Leben führen, ein Schicksal, daß sie als einfache Landarbeiter nicht in Kauf nehmen müßten. Denn welche Arbeit sollen Landarbeiter in einer High-Tech-City verrichten, die schon Probleme hat, die bestehenden einfachen Arbeitsplätze zu erhalten (Automatisierung); nur vorübergehend werden sie als Industriearbeiter eingestellt, solange, bis es lohnender ist (bzw. finanzierbar), sie durch Maschinen zu ersetzen.

Die Landflucht im Europa des 19. Jahrhunderts mag man als notwendige geschichtliche Sache begreifen (naturwüchsige Entwicklung), eine Landflucht heute, die politisch zugelassen oder gar motiviert wurde, ist dagegen ein Verbrechen gegen die Menschen, die zuvor in einen Sinnzusammenhang eingebunden waren, der sie am Leben erhielt. Denn: Die europäischen Landflüchtigen des neunzehnten Jahr­hunderts waren als Industriearbeiterpotential eine wesentliche Bedingung einer raschen Industrialisierung. Sie fanden Arbeit und trugen als Käufer zur Entwicklung des Binnenmarktes wesentlich bei. Die Landflüchtigen in Rußland, der Türkei, Indien, China oder Mexiko sind dagegen kein willkommenes Industriearbeiterpotential, sondern ein riesiges Armutspotential.

Bemerkenswert ist, daß eine solche Politik durchaus im ureigenen Interesse der Eliten und Mittelschichten sein muß: Übermäßige Migration und Verstädterung reduzieren ja zugleich die Lebensqualität der gestreßten Eliten und wohlstandshungrigen, fleißigen Mittelständler. Mag sein, daß sich mancher Elite-Angehörige willige und billige Dienstboten wünscht. Aber entspricht es seinen Neigungen, wenn Straßen und Plätze von Armen und Bettlern übersiedelt sind und er sich ständig den Gefahren einer zunehmenden Kriminalisierung ausgesetzt sieht? Die Superreichen mögen dies noch verdrängen und sich durch private Sicherheitsdienste vor Gefahren schützen können. Der Mittelstand und der einfache Bürger aber nicht.


[51] Luttwak, Edward. Weltwirtschaftskrieg. Export als Waffe – aus Partnern werden Gegner. Deutsch von Reinhard Tiffert und Renate Weitbrecht. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag. 1994.

[52] Jenner, Gero. Die arbeitslose Gesellschaft.

[53] ebenda,

[54] Cohen, Daniel. Fehldiagnose Globalisierung. S. 20

[55] Kennedy, Paul. In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert. Aus dem Amerik. von Gerd Hörmann. Frankfurt/M.: Fischer Verlag. 1993. S. 102-103

[56] Rifkin, Jeremy. Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. S. 96

[57] Ziegler, Armin. Deutschland 2000. S. 27

Literatur

Cohen, Daniel (1998). Fehldiagnose Globalisierung. Die Neuverteilung des Wohlstands nach der dritten industriellen Revolution. Aus dem Franz. von Bodo Schulze. Frankfurt/M; New York: Campus Verlag.

Flassbeck, Heiner unter Mitarbeit von Ludger Lindlar und Friederike Spiecker. Wirtschaftspolitik im Zeichen von Globalisierung und Arbeitslosigkeit. In: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.). Wirtschaftspolitik im Zeichen von Globalisierung und Arbeitslosigkeit. Gesprächskreis Arbeit und Soziales. Nr. 75. S. 7-59

Forrester, Viviane (1997). Der Terror der Ökonomie. Aus dem Franz. von Tobias Scheffel. Wien: Paul Zsolnay Verlag.

Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.) (1997). Wirtschaftspolitik im Zeichen der Globalisierung und Arbeitslosigkeit. Gesprächskreis Arbeit und Soziales. Nr. 75. Bonn: satz + druck.

Gates, Bill (1997). Der Weg nach vorn. Die Zukunft der Informationsgesellschaft. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese und Hainer Kober. Völlig überarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Giarini, Orio & Liedtke, Patrick M. (1998). Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome. Aus dem Engl. von Klaus Fritz und Norbert Juraschitz. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Jenner, Gero (1997). Die arbeitslose Gesellschaft. Gefährdet die Globalisierung den Wohlstand? Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Kennedy, Paul (1993). In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen von Gerd Hörmann. Frankfurt/M.: Fischer Verlag.

Lafontaine, Oskar & Müller, Crista (1998). Keine Angst vor der Globalisierung. Wohlstand und Arbeit für alle. Bonn: Dietz.

Luttwak, Edward (1994). Weltwirtschaftskrieg. Export als Waffe – aus Partnern werden Gegner. Deutsch von Reinhard Tiffert und Renate Weitbrecht. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

Martin, Hans-Peter & Schumann, Harald (1997). Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

Rifkin, Jeremy (1995). Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Aus dem Engl. von Thomas Steiner. Frankfurt/M.: Campus Verlag.

Ziegler, Armin (1992). Deutschland 2000. Die Zukunft von Wirtschaft, Management, Marketing, Technik und Gesellschaft. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau: Econ Verlag.

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