Dipl. Ök. Helmut Saiger
Eine
Oldenburger Studentengruppe hat über zwei Jahre an einem Papier gearbeitet. Die These: Die Säule der Erwerbsarbeit, an der Steuern
und Sozialabgaben ebenso hängen wie persönliche Einkommen, Status und Sinn,
trägt alleine nicht mehr.
Die
Frage: Wie kann die Erwerbsarbeitsgesellschaft um eine über Erwerbsarbeit
hinaus gehende Tätigkeitsgesellschaft
erweitert werden?
Sie
hat das Papier Experten und Organisationen zur Diskussion gegeben. Obwohl jeder
etwas daran zu mäkeln hatte, ich auch, gaben sich doch die meisten einen Ruck
und unterschrieben es. Prof. Ralf Dahrendorf von der London School of Economics
hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.
Es
tut sich also etwas. Ob
Zukunftsforscher wie Dr. Christian Lutz, Direktor des Schweizer Gottlieb Duttweiler
Instituts, ob Parteien-Stiftungen oder Kirchen, sie alle fragen sich: Werden
wir je wieder Vollbeschäftigung erreichen oder brauchen wir ergänzend zur
Erwerbsarbeit ein neues Verständnis von Produktivität in Form einer
Tätigkeitsgesellschaft.
¾ der Experten einer Delphi-Studie sagen: Die
durchschnittliche Arbeitslosenquote in den meisten Industrieländern wird
dauerhaft hoch bleiben. Selbst in der auf uns zukommenden Seniorengesellschaft,
in der das Arbeitsangebot wegen weniger Kindern und mehr Senioren sinken wird,
wird es vermutlich eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit geben, d.h. auf der
einen Seite fehlen Arbeitskräfte und auf der anderen Seite suchen Menschen
vergeblich einen Job, weil sie die „falschen“ Qualifikationen haben.
Man muss sich auch fragen: Leben wir heute überhaupt noch eine Erwerbsarbeitsgesellschaft?
Von den 82 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik sind etwa 36 Millionen erwerbstätig, davon 6
Millionen Teilzeit. 46 Millionen sind also nicht erwerbstätig. Ziehen wir die
13 Millionen Kinder und Jugendlichen ab, so stellt sich die Frage: Wie sehen
wir etwa 34 Millionen Bürger, die nicht erwerbstätig sind? Gehören sie zum
Freizeitpark? Nein, Die meisten von ihnen üben ebenfalls Tätigkeiten aus, man
denke nur an Eltern oder ehrenamtlich Tätige. Nur das wird nicht richtig
anerkannt und schon in gar keinem Sozialprodukt aufgeführt.
Ein anderer Grund, die Erwerbsarbeitsgesellschaft zu
bezweifeln, ergibt sich aus einem Blick auf das Zeitbudget der Bürger.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbrachten die Menschen 35%
ihrer Lebenszeit in der Erwerbsarbeit. Heute sind noch um die 12%.
Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verbringt in seinem
Leben weniger als 50.000 Stunden im Beruf. Selbst ein viel beschäftigter
Topmanager oder Selbstständiger kommt nicht annähernd auf 100.000 Stunden
heran. Dies bei einer wachen Lebensdauer von 450.000 Stunden, wenn man von 8
Stunden Schlaf und 75 Lebensjahren ausgeht. Der Spruch: Das halbe Leben ist der
Beruf, stimmt also schon lange nicht mehr. Selbst ein Vollzeitarbeitnehmer
arbeitet nur 1500 Stunden von 5800 Stunden im Jahr.
Trotzdem gehen wir weiter hin und stellen die Erwerbsarbeit
in das Zentrum von Anerkennung und Sinn. Provokativ gefragt: Sind dann fast 90%
unserer Lebenszeit sinnlos und wertlos für die Gesellschaft? Ich glaube, dass
ein solches Denken keine Zukunft hat. Es wird weder der zunehmenden Zahl der
Rentner gerecht, noch der hohen Zahl der Arbeitslosen noch all denen, die für
die Gesellschaft unersetzbare Dienste außerhalb der Erwerbsarbeit leisten.
Welche anerkannten
Tätigkeiten kann es in einer neuen Tätigkeitsgesellschaft aber geben?
Ich
sehe eine Gesellschaft der fünf anerkannten Tätigkeiten:
1) Erwerbsarbeit
2) Eigenarbeit
3) Direkte
Bürger-zu-Bürger-Arbeit
4) Ehrenamt
und bürgerschaftliches Engagement in der Gemeinsinnarbeit
5) Bildungsarbeit
Die
erste Frage, die sich bei solchen Überlegungen stellt, ist: Kann man aber von
solchen außerberuflichen Tätigkeiten auch leben?
1.
Einkommen aus Eigenarbeit
Wer nur im Hotel wohnen würde, alle Wäsche zur Reinigung
bringen würde, seine Kinder aufs Internat schickt und nur im Restaurant isst,
wer also alles vom Markt bezieht, der bräuchte ein ziemlich hohes
Monatseinkommen. Tatsächlich benötigen etwa US-Amerikaner ein höheres Einkommen
als Deutsche, weil in Deutschland Do-it-your-self verbreiteter ist als in den
USA, wo nicht selten sogar der Rasen im Garten ein eingekaufter Kunstrasen
ist.
Der Wert-Beitrag der Eigenarbeit der privaten Haushalte zum
Sozialprodukt, würde er denn dort erfasst. beträgt schätzungsweise 650
Millionen Euro, also soviel wie alle Renten- und Sozialleistungen zusammen.
Dieses reale Einkommen spart Erwerbseinkommen. Bei einer Scheidung gilt das
fifty-fifty-Prinzip beim Zugewinn und beim Versorgungsaugleich. Es entstand
ursprünglich aus der Überlegung, dass Beiträge im Haushalt und in der Familie
gleich zu gewichten seien mit beruflichen Beiträgen.
Nachdem die privaten Haushalte Jahrzehnte lang Aufgaben auf
den Markt übertragen haben, gibt es wieder einen Trend zur Eigenarbeit. Als in
Wolfsbug die Vier-Tageswoche eingeführt wurde, entstanden rund um Wolfsburg
viele sog. „Negerdörfer“, d.h. sie wurden schwarz in Eigenarbeit und
Nachbarschaftskooperation erstellt.
Aufgrund von Fortschritten in der Mikrotechnologie und durch
das Internet werden Produktionsmittel, die früher nur für einen Betrieb
rentabel einsetzbar waren, zunehmend zu Haushaltsproduktionsmitteln. Wir haben
das am PC gesehen. Noch 1980 war der billigste Computer nicht unter 250.000 DM
zu haben. Heute kann ihn sich fast jeder leisten. Heimwerkergeräte,
Fitnessgeräte, das zukünftige vernetzte „smart house“, wie es Bill Gates heute
schon besitzt - der Trend geht wieder zu den Haushalten als, wenn man so will,
kleinen Mikrofabriken der Eigenproduktion. Einkommensunsicherheit und Trends,
z.B. der Trend zum Hobbykoch, aber auch das Internet, man denke z.B. an das
Online-Banking, begünstigen die Entwicklung.
Auch im Bildungswesen wird der Wert der Eigenarbeit
zunehmend wieder erkannt. Defizite in der Elternarbeit - kaum Zeit für Kinder,
keine Vermittlung wichtiger Werte - lassen sich durch Lehrerarbeit nicht
ausgleichen. In einigen Bundesstaaten der USA ist es sogar erlaubt, dass Eltern
selbst wieder ihre Kinder zu Hause unterrichten dürfen. Die Kinder müssen das
selbst Erlernte dann in Prüfungen nachweisen.
Eigenarbeit bedeutet die Schaffung von mehr geldsparendem
Realeinkommen, z.B. in Form der selbst erstellten Gartenterrasse. Mehr
Eigenarbeit bedeutet Preisnachlässe. Online-Banking ist meist billiger als ein
Konto bei der örtlichen Bank. Bestimmte Eigenarbeiten können zu Geldzuschüssen
führen, z.B. in Form einer Beitragsrückerstattung oder Bonusleistungen von der
Krankenkasse bei einem gesundheitsorientiertem Verhalten. Das Problem der
Kinderknappheit in der Seniorengesellschaft führt zu Vorschlägen, wie
Erziehungsleistungen finanziell mehr gefördert werden können. So schlug die CSU
ein Familiengeld von 600 Euro pro Kind und Monat vor.
Bei sehr vorsichtiger Schätzung halte ich es für möglich,
dass private Haushalte durch Ausdehnung der Eigenarbeit durchschnittlich 300.-
Euro im Monat zusätzliches Eigenarbeits-Einkommen in Form von Realeinkommen,
Ausgabeersparnissen oder geldlichen Anreizzahlungen gewinnen können. Das
entspricht über 40 Jahren einer Summe von knapp 150.000 Euro. Vergleicht man
dies mit einem durchschnittlichen Vollzeiteinkommen aus Erwerbsarbeit von
25.000 Euro, ersetzt zusätzliche Eigenarbeit Einkommen aus sechs Jahren
Erwerbsarbeit.
2.
Einkommen aus Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit
Private
Haushalte verfügen über Fähigkeiten, z.B. aus
Beruf und Hobby und sie verfügen über Sachmittel, z.B. einen PC, ein
Auto, eine Heimwerkerausstattung. Die naheliegende Frage: Warum das alles nur
für sich selbst nutzen, warum diese Ressourcen nicht zusätzlich für Dienste an
andere Haushalte anbieten? Es würde sich mehr rechnen. So etwas geschieht ja
bereits in Form der Nachbarschaftshilfe. Über beispielsweise Internet-Börsen
könnte man das Angebot aber erweitern, auf alle Haushalte in einem Stadtviertel
oder einer Gemeinde. Wenn jeder Haushalt in Deutschland nur sechs Stunden pro
Woche Leistungen anderer Haushalte in Anspruch nehmen würde, vom
Nachhilfeunterricht bis zum Seniorenbegleitdienst, hätte dieser neue
Arbeitsmarkt direkt zwischen den Bürgern ein Potential, das weit über vier
Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entspricht. Tatsächlich beobachten wir
weltweit eine Zunahme sog. Tauschringe, in denen genau das passiert. In
Deutschland gibt es sie inzwischen in fast jeder Stadt. Das Problem ist das
Geld: Es können nur so viele Dienste
zwischen den Haushalten ausgetauscht werden, wie an Geldeinkommen dafür
zur Verfügung steht. Die Tauschringe haben das Problem umgangen. Sie haben ihre
eigenen Verrechnungseinheiten und nennen diese z.B. Talente. Diesen Weg gehen
nicht nur die Tauschringe. Unternehmen machen dasselbe in Form sog.
Barter-Ringe. Seniorengenossenschaften machen es. Die Mitglieder verrechnen
Dienste untereinander mit Zeitguthaben. Mit eigenen Verrechnungseinheiten
tauschen, das verbindet man gerne mit Krisen- und Notzeiten oder der
Zigarettenwährung. Nein, solche das Geld ergänzenden Verrechnungseinheiten
haben eine große Zukunft, meint dagegen Bernhard Lietaer, ehemaliges
Vorstandsmitglied der Belgischen Nationalbank, dort für die Einführung des EURO
zuständig.
Nehmen
wir einmal an, Bürger würden sechs Stunden pro Woche in der
Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit tätig sein, für Bürgerpunkte oder Talente im Wert
von durchschnittlich 12,50 Euro pro Stunde. Dies ergibt einen Wert von 300 Euro
pro Monat. Auf 40 Jahre umgerechnet: 120.000 Euro. Dies entspricht dem
Einkommen von knapp fünf Vollzeiterwerbsarbeitsjahren. Wenn man dabei an
vierzig Jahre denkt, ist nicht nur die Erwerbsarbeitszeit gemeint, denn Dienste
gegenseitig anbieten und nachfragen kann man auch in der Jugend- und
Seniorenzeit.
Ich
höre schon den Aufschrei des Handwerks. Arbeitsplätze würden so vernichtet
werden. Aber, wer Leistungen erbringt, kauft dafür auch Güter ein. Man denke
nur an den Boom bei den Heimwerkermärkten. Auch haben Wirtschaft und Handwerk
kein Monopol für Arbeit und Dienstleistungen. Wenn private Haushalte sich in
Zukunft mehr selber untereinander die Haare schneiden, muss sich der Friseur
dieser Konkurrenz stellen und sein Angebot darauf konzentrieren, was er besser
kann, seien dies komplizierte Frisuren oder Perücken oder Maniküre und
Pediküre. Und dies geschieht ja bereits. Die Konkurrenz der Haushalte hat im
Friseurhandwerk zu Preissenkungen und differenzierteren Angeboten geführt.
3. Einkommen aus Gemeinsinnarbeit
Das
Volumen der ehrenamtlichen Arbeit entspricht in Deutschland circa einer
Million Vollzeitarbeitsplätzen. Jeder dritte Bürger ist grundsätzlich zu einem
ehrenamtlichen Engagement bereit. Der Gedanke der Zivilgesellschaft rückt neben
dem traditionellen Ehrenamt den Aspekt des bürgerschaftlichen Engagements und
der Bürgerbeteiligung mehr in den Mittelpunkt. Aber die Infrastruktur für
Gemeinsinnarbeit ist unterentwickelt. Das Angebot ist oft nicht differenziert
genug für die Wünsche der Bürger. Oft ist es leichter zu erfahren, welche
offenen Jobstellen es gibt als wo man sich als Bürger engagieren kann.
Freiwilligenagenturen und Bürgerstiftungen sind Wege, dies zu verbessern. Oft
mangelt es auch an Qualifikationsmöglichkeiten, und Anerkennungssystemen bis
hin zu einer finanziellen Honorierung. ber wie könnte eine solche finanzielle
Honorierung aussehen?
Man könnte es den Steuerzahlern
überlassen, ob sie ihre Steuern voll an den Staat bezahlen oder ob sie sich entscheiden
einen Teil, sagen wir 5%, wie in Italien der Fall, statt dessen direkt in
bürgerschaftliche und kommunale Projekte als Geld-, Sach- oder Personalleistung
einzubringen oder alternativ in kapitalansparende Fonds für Gemeinsinnarbeit
oder in Stiftungen wie Bürgerstiftungen einzuzahlen. Denkbar sind auch
Steuererleichterungen aus bürgerschaftlichem Engagement. Denkbar ist auch eine
direkte Honorierung, wie es sie bei dem sog. Bürgergutachten heute schon gibt.
Eine Kommune kann sich fragen, was sie aus Leistungsbeiträgen der Bürger
einspart bzw. wo sich Qualitätsverbesserungen ergeben und die Hälfte davon an
die Engagierten in Form von Honoraren weiter reichen. Beispiele hierfür gibt es
genug: Eine Stadtteilbibliothek, die von den Bürgern unterhalten wird, Mithilfe
im Kindergarten, Übernahme von Patenschaften für Menschen und Projekte. Man
kann bürgerschaftliches Engagement zum Teil auch in Form von Talenten oder
Bürgerpunkten statt in Geld honorieren, mit denen man dann wieder Geld sparend
öffentliche Dienste in Anspruch nehmen kann.
Ein Rechenbeispiel: Ein Bürger engagiert sich im Laufe seines
Lebens 100 Monate in Ehrenamts- und Bürgerschaftsprojekten. Das sind rund acht
Jahre, verteilt auf ein ganzes Leben.
Bei durchschnittlich monatlich 300
Euro Bürgergeld (in etwa die Übungsleiterpauschale) entstünde ein Einkommen im
Wert von 30 000 Euro. Das entspricht mehr als dem Einkommen eines
Vollzeiterwerbsjahres.
In der auf uns zukommenden
Senioren-Gesellschaft werden Senioren vermutlich ein wichtiger Träger der
Gemeinsinnarbeit werden. Durchaus denkbar ist, dass in Zukunft ein Teil der
Rente an solche Leistungen gebunden sein wird. Aber auch die Jungen entdecken
in Deutschland wieder mehr das ehrenamtliche Engagement. Sie betrachten es als
eine Möglichkeit, ihr Humankapital zu erweitern und nützliche Kontakte zu
schließen, man denke an die Nachfrage nach dem ökologischen und sozialen Jahr.
4.
Vermögensbildung
Neben Eigenarbeits-Einkommen, Einkommen aus Diensten der
Bürger untereinander und Honoraren aus Gemeinsinnarbeit ist die vierte
außerberufliche Einkommensquelle Einkommen aus Vermögenserträgen. Stichwort
Riesterrente. Etwa 30% des Einkommens eines Durchschnittsrentners sind Erträge
aus Vermögen, Vermietung und andere Einkommen neben der Rente.
Wenn wir es schaffen, dass der Durchschnittsbürger durch
mehr private Vermögensbildung ein zusätzliches Vermögen von 25.000 Euro
aufbauen kann, sind das bei einem Zins von 5%
1.250 Euro pro Jahr, in 30 Jahren 37.500 Euro. Dies entspricht dem
Durchschnittseinkommen aus 1 ½ Jahren Erwerbstätigkeit.
Fassen wir die Beispiele zusammen, ließen sich in einer
Tätigkeitsgesellschaft bei vorsichtiger Schätzung außerhalb der Erwerbsarbeit ein Einkommen von 337.000 Euro schaffen,
ein Einkommen, das dem Durchschnitts-Einkommen aus 13 Jahren
Vollzeiterwerbsarbeit entspricht. Mit einer Ausdehnung der außerberuflichen
Tätigkeiten bräuchte man zur Erhaltung des gleichen Lebensstandard über ein
Drittel weniger zu arbeiten, unterstellt man eine Erwerbsarbeitszeit von durchschnittlich
34 Jahren, was heute üblich ist. (Berufseintritt mit 25 Jahren, Renteneintritt
mit 59 Jahren). Durch die Zunahme
außerberuflicher Tätigkeiten würde auch eine Entlastung der Arbeitsmärkte
eintreten, d.h. die Tätigkeitsgesellschaft trägt ihrerseits zu mehr
Vollbeschäftigung bei.
5.
Die Bildungsarbeit
Damit das alles funktioniert, braucht es anerkannte
Qualifikationsbausteine im System des lebenslangen Lernens nicht nur für die
Erwerbsarbeit, sondern auch für die anderen Tätigkeiten, z.B. eine Qualifikation
als Moderator für Bürgerkooperation.
Wissen ist in Zukunft der wichtigste Produktionsfaktor. Die
Felder, aus denen das zukünftige Wachstum entsteht, werden Bildung und
Gesundheit sein. Es gibt zunehmend Vorschläge, z.B. der Unesco, die Bildung so
wie Produktions- oder Dienstleistungstätigkeit als produktive Arbeit definiert
wissen wollen für die es spezielle Einkommen gibt, seien dies Stipendien oder
Bildungsgutscheine, wie sie z.B. das Arbeitsamt heute schon ausgibt. Diese
Einkommensquelle habe ich in der obigen Einkommensberechnung noch gar nicht
einbezogen.
Fassen wir
einige Vorteile der Tätigkeitsgesellschaft zusammen:
Sie fördert die Binnen-Nachfrage, denn für außerberufliche Tätigkeiten braucht man auch
Waren und Dienstleistungen vom Markt.
Ein höheres Aktivitätsniveau in den außerberuflichen
Lebensbereichen stellt die Wissensgesellschaft auf eine breitere
Fähigkeitsbasis.
Austäusche zwischen den Bürgern und mehr Bürgerkooperation
fördern die Zivilgesellschaft und die wieder öfter geforderte
Eigenverantwortung der Bürger.
Vor allem aber schafft eine Tätigkeitsgesellschaft ein
breiteres Anerkennungsspektrum für menschliche Leistungen. Wer heute nicht
erwerbstätig ist, der ist oft auch aus der Gesellschaft herausgefallen. Schauen
sie sich einmal die Coaches und Trainer an, die im Auftrag des Arbeitsamtes
Kurse für Erwerbslose durchführen. Alles ist nur darauf ausgerichtet, wieder
einen Job zu finden. Besser wäre es, dieses Ziel mit einem anderen zu
verbinden: Welche befriedigende Tätigkeiten gibt es auch außerhalb der
Erwerbsarbeit. Statt nur Bewerbungen zu schreiben, sich auch in der
Zwischenzeit einmal ehrenamtlich zu engagieren, beispielsweise. Dass sich dies
auch positiv auf Bewerbungen auswirkt, ist bekannt. Menschen nehmen dies aber
nur an, wenn ihnen klar wird, dass solche Tätigkeiten für ihr Glück ebenso
wichtig sind wie der Beruf und dass sich hieraus neue Fähigkeiten und Freunde
ergeben.
Wie die Hirnforschung zum Thema Glück herausbekommen hat, sind Familie und Freunde
der wichtigste Glücksfaktor.
Wie sie herausbekommen hat, ist eine herausfordernde Aufgabe
ein wichtiger Glücksfaktor, wobei die Art der Tätigkeiten dem Hirn ziemlich
egal ist, egal ob es Erwerbsarbeit oder eine andere Tätigkeit ist, Hauptsache
es ist etwas, was einem gefangen nimmt und erfüllt.
Was nützt mir das alles, wird sich der aber fragen, der
schon hundert Bewerbungen geschrieben hat, und langsam aber sicher verzweifelt.
Aber in Wirklichkeit ist es eine Botschaft: Suche weiter den Job aber erfülle
die Zwischenzeit!
In den meisten Fällen erfüllt selten ein einzelner
Lebensbereich, sei dies der Beruf oder die Familie alleine alle Bedürfnisse.
Ein breiter angelegtes Spektrum von Tätigkeiten, in dem jeder Bereich bestimmte
Bedürfnisse abdeckt, ist oft eine bessere Strategie. Deshalb sind gegenwärtig
Bücher über die sog. „Life Balance“ so en vogue. Auch das ist ein Grund für
eine Gesellschaft der vielfachen Tätigkeitsfelder.
Aber solche anderen
Tätigkeiten müssen auch mehr anerkannt werden, denn nur mit Eigenanerkennung
oder intrinsischer Motivation ist der einzelne oft überfordert.
Diese Anerkennung zu schaffen erfordert ein Umdenken dessen,
was man als produktiv ansieht in der Gesellschaft. Die notwenigen Netze und
Infrastrukturen für eine neue Tätigkeitsgesellschaft zu schaffen, dies ist
Aufgabe der Politik und des Gesetzgebers. Vieles kann schon auf kommunaler
Ebene geleistet werden, City Jahr für Jugendliche, Bürgergutachten,
Bürgerstiftung, Freiwilligenagenturen, Tauschringe, Seniorengenossenschaften,
Stadtmarketing-Prozesse unter Einbeziehung der Bürger sind nur wenige Beispiele.
Wer angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen,
inzwischen schon ein chronischer Zustand, seine Zweifel hat, ob in absehbarer
Zeit wieder Vollbeschäftigung eintritt, der ist von dieser Aufgabe gefordert.
Wer sich fragt, wie die zukünftige Seniorengesellschaft mit
über 30% Rentnern, die im Durchschnitt noch solange wie ihre Kindheits- und
Jugendzeit gesund und fit sind, produktiv gestaltet werden kann, kommt an der Frage der Tätigkeitsgesellschaft
und einer neuen Definition von Produktivität nicht vorbei,
Was
heute schon Einzelne tun, insbesondere oft Frauen, könnte statt des
traditionellen Dreierschritts: Ausbildung – Erwerbsberuf - Rente zum
verbreiteten Handlungsmodell werden: In manchen Lebenszyklusphasen wird man
sich mehr auf die Erwerbsarbeit und die berufliche Karriere konzentrieren, in
anderen eher Beruf, Eigen- und Familienarbeit mehr in Übereinstimmung bringen.
In einer anderen Lebenszyklusphase wird man sich wieder mehr der Bildungsarbeit
widmen, z.B. in Form eines Sabbaticals
oder Auszeit-Jahres, um neue Fähigkeiten zu erwerben. Bei Gelegenheit wird man
an der Bürger - zu - Bürger-Tauscharbeit teilnehmen, um neue Kontakte zu knüpfen
und sich die Eigenarbeit mit anderen zu teilen. Hat man seine wichtigsten
privaten Ziele erreicht oder möchte man sich für ein gesellschaftliches Thema
besonders einsetzen, kann man sich in
der Gemeinsinnarbeit engagieren und sich damit auch eine neue Sinnquelle
erschließen. Wer arbeitslos werden
sollte oder SenorIn, fällt nicht wie heute oft in ein psychisches und soziales
Loch, denn es gibt immer mehrere sozial anerkannte Aktivitätsmöglichkeiten. Die
Gesellschaft erschließt sich für eine Zukunft, in der die Erwerbsarbeit nur
noch knapp 10% am Zeitbudget der Bürger
ausmachen wird, neue Leistungsquellen und soziale Netze. Denn: gebraucht wird
man nicht nur im Beruf.
Impressum:
Dipl. Ök. Helmut Saiger ist Zukunftsforscher,
Berater und Autor u.a. des Buches: Die Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf,
Neue Beschäftigungs- und Lebensmodelle, Kösel 1998. Homepage: www.institut-saiger.de