Dipl. Ök. Helmut Saiger

 

Aufbruch in die Tätigkeitsgesellschaft

Neue Beschäftigungs- und Lebensmodelle

 

 

 

Eine Oldenburger Studentengruppe hat über zwei Jahre an einem  Papier gearbeitet. Die These:  Die Säule der Erwerbsarbeit, an der Steuern und Sozialabgaben ebenso hängen wie persönliche Einkommen, Status und Sinn, trägt alleine nicht mehr.

Die Frage: Wie kann die Erwerbsarbeitsgesellschaft um eine über Erwerbsarbeit hinaus gehende Tätigkeitsgesellschaft erweitert werden?

Sie hat das Papier Experten und Organisationen zur Diskussion gegeben. Obwohl jeder etwas daran zu mäkeln hatte, ich auch, gaben sich doch die meisten einen Ruck und unterschrieben es. Prof. Ralf Dahrendorf von der London School of Economics hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.

Es tut sich also etwas.  Ob Zukunftsforscher wie Dr. Christian Lutz, Direktor des Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts, ob Parteien-Stiftungen oder Kirchen, sie alle fragen sich: Werden wir je wieder Vollbeschäftigung erreichen oder brauchen wir ergänzend zur Erwerbsarbeit ein neues Verständnis von Produktivität in Form einer Tätigkeitsgesellschaft.

¾ der Experten einer Delphi-Studie sagen: Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in den meisten Industrieländern wird dauerhaft hoch bleiben. Selbst in der auf uns zukommenden Seniorengesellschaft, in der das Arbeitsangebot wegen weniger Kindern und mehr Senioren sinken wird, wird es vermutlich eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit geben, d.h. auf der einen Seite fehlen Arbeitskräfte und auf der anderen Seite suchen Menschen vergeblich einen Job, weil sie die „falschen“ Qualifikationen haben.

 

Man muss sich auch fragen: Leben wir heute überhaupt noch eine Erwerbsarbeitsgesellschaft?

Von den 82 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik sind  etwa 36 Millionen erwerbstätig, davon 6 Millionen Teilzeit. 46 Millionen sind also nicht erwerbstätig. Ziehen wir die 13 Millionen Kinder und Jugendlichen ab, so stellt sich die Frage: Wie sehen wir etwa 34 Millionen Bürger, die nicht erwerbstätig sind? Gehören sie zum Freizeitpark? Nein, Die meisten von ihnen üben ebenfalls Tätigkeiten aus, man denke nur an Eltern oder ehrenamtlich Tätige. Nur das wird nicht richtig anerkannt und schon in gar keinem Sozialprodukt aufgeführt. 

Ein anderer Grund, die Erwerbsarbeitsgesellschaft zu bezweifeln, ergibt sich aus einem Blick auf das Zeitbudget der Bürger. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbrach­ten die Menschen 35% ihrer Le­benszeit in der Erwerbsarbeit. Heute sind noch um die 12%.

Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verbringt in seinem Leben weniger als 50.000 Stunden im Beruf. Selbst ein viel beschäftigter Topmanager oder Selbstständiger kommt nicht annähernd auf 100.000 Stunden heran. Dies bei einer wachen Lebensdauer von 450.000 Stunden, wenn man von 8 Stunden Schlaf und 75 Lebensjahren ausgeht. Der Spruch: Das halbe Leben ist der Beruf, stimmt also schon lange nicht mehr. Selbst ein Vollzeitarbeitnehmer arbeitet nur 1500 Stunden von 5800 Stunden im Jahr.

Trotzdem gehen wir weiter hin und stellen die Erwerbsarbeit in das Zentrum von Anerkennung und Sinn. Provokativ gefragt: Sind dann fast 90% unserer Lebenszeit sinnlos und wertlos für die Gesellschaft? Ich glaube, dass ein solches Denken keine Zukunft hat. Es wird weder der zunehmenden Zahl der Rentner gerecht, noch der hohen Zahl der Arbeitslosen noch all denen, die für die Gesellschaft unersetzbare Dienste außerhalb der Erwerbsarbeit leisten.

 

Welche anerkannten Tätigkeiten kann es in einer neuen Tätigkeitsgesellschaft aber geben? 

 

Ich sehe eine Gesellschaft der fünf anerkannten Tätigkeiten:

1)    Erwerbsarbeit

2)    Eigenarbeit

3)    Direkte Bürger-zu-Bürger-Arbeit

4)    Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in der Gemeinsinnarbeit

5)    Bildungsarbeit

Die erste Frage, die sich bei solchen Überlegungen stellt, ist: Kann man aber von solchen außerberuflichen Tätigkeiten auch leben?

 

1. Einkommen aus Eigenarbeit

Wer nur im Hotel wohnen würde, alle Wäsche zur Reinigung bringen würde, seine Kinder aufs Internat schickt und nur im Restaurant isst, wer also alles vom Markt bezieht, der bräuchte ein ziemlich hohes Monatseinkommen. Tatsächlich benötigen etwa US-Amerikaner ein höheres Einkommen als Deutsche, weil in Deutschland Do-it-your-self verbreiteter ist als in den USA, wo nicht selten sogar der Rasen im Garten ein eingekaufter Kunstrasen ist. 

Der Wert-Beitrag der Eigenarbeit der privaten Haushalte zum Sozialprodukt, würde er denn dort erfasst. beträgt schätzungsweise 650 Millionen Euro, also soviel wie alle Renten- und Sozialleistungen zusammen. Dieses reale Einkommen spart Erwerbseinkommen. Bei einer Scheidung gilt das fifty-fifty-Prinzip beim Zugewinn und beim Versorgungsaugleich. Es entstand ursprünglich aus der Überlegung, dass Beiträge im Haushalt und in der Familie gleich zu gewichten seien mit beruflichen Beiträgen.

Nachdem die privaten Haushalte Jahrzehnte lang Aufgaben auf den Markt übertragen haben, gibt es wieder einen Trend zur Eigenarbeit. Als in Wolfsbug die Vier-Tageswoche eingeführt wurde, entstanden rund um Wolfsburg viele sog. „Negerdörfer“, d.h. sie wurden schwarz in Eigenarbeit und Nachbarschaftskooperation erstellt.

Aufgrund von Fortschritten in der Mikrotechnologie und durch das Internet werden Produktionsmittel, die früher nur für einen Betrieb rentabel einsetzbar waren, zunehmend zu Haushaltsproduktionsmitteln. Wir haben das am PC gesehen. Noch 1980 war der billigste Computer nicht unter 250.000 DM zu haben. Heute kann ihn sich fast jeder leisten. Heimwerkergeräte, Fitnessgeräte, das zukünftige vernetzte „smart house“, wie es Bill Gates heute schon besitzt - der Trend geht wieder zu den Haushalten als, wenn man so will, kleinen Mikrofabriken der Eigenproduktion. Einkommensunsicherheit und Trends, z.B. der Trend zum Hobbykoch, aber auch das Internet, man denke z.B. an das Online-Banking, begünstigen die Entwicklung.

Auch im Bildungswesen wird der Wert der Eigenarbeit zunehmend wieder erkannt. Defizite in der Elternarbeit - kaum Zeit für Kinder, keine Vermittlung wichtiger Werte - lassen sich durch Lehrerarbeit nicht ausgleichen. In einigen Bundesstaaten der USA ist es sogar erlaubt, dass Eltern selbst wieder ihre Kinder zu Hause unterrichten dürfen. Die Kinder müssen das selbst Erlernte dann in Prüfungen nachweisen.

Eigenarbeit bedeutet die Schaffung von mehr geldsparendem Realeinkommen, z.B. in Form der selbst erstellten Gartenterrasse. Mehr Eigenarbeit bedeutet Preisnachlässe. Online-Banking ist meist billiger als ein Konto bei der örtlichen Bank. Bestimmte Eigenarbeiten können zu Geldzuschüssen führen, z.B. in Form einer Beitragsrückerstattung oder Bonusleistungen von der Krankenkasse bei einem gesundheitsorientiertem Verhalten. Das Problem der Kinderknappheit in der Seniorengesellschaft führt zu Vorschlägen, wie Erziehungsleistungen finanziell mehr gefördert werden können. So schlug die CSU ein Familiengeld von 600 Euro pro Kind und Monat vor.

Bei sehr vorsichtiger Schätzung halte ich es für möglich, dass private Haushalte durch Ausdehnung der Eigenarbeit durchschnittlich 300.- Euro im Monat zusätzliches Eigenarbeits-Einkommen in Form von Realeinkommen, Ausgabeersparnissen oder geldlichen Anreizzahlungen gewinnen können. Das entspricht über 40 Jahren einer Summe von knapp 150.000 Euro. Vergleicht man dies mit einem durchschnittlichen Vollzeiteinkommen aus Erwerbsarbeit von 25.000 Euro, ersetzt zusätzliche Eigenarbeit Einkommen aus sechs Jahren Erwerbsarbeit.

 

2.    Einkommen aus Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit

Private Haushalte verfügen über Fähigkeiten, z.B. aus  Beruf und Hobby und sie verfügen über Sachmittel, z.B. einen PC, ein Auto, eine Heimwerkerausstattung. Die naheliegende Frage: Warum das alles nur für sich selbst nutzen, warum diese Ressourcen nicht zusätzlich für Dienste an andere Haushalte anbieten? Es würde sich mehr rechnen. So etwas geschieht ja bereits in Form der Nachbarschaftshilfe. Über beispielsweise Internet-Börsen könnte man das Angebot aber erweitern, auf alle Haushalte in einem Stadtviertel oder einer Gemeinde. Wenn jeder Haushalt in Deutschland nur sechs Stunden pro Woche Leistungen anderer Haushalte in Anspruch nehmen würde, vom Nachhilfeunterricht bis zum Seniorenbegleitdienst, hätte dieser neue Arbeitsmarkt direkt zwischen den Bürgern ein Potential, das weit über vier Millionen Vollzeitarbeitsplätzen entspricht. Tatsächlich beobachten wir weltweit eine Zunahme sog. Tauschringe, in denen genau das passiert. In Deutschland gibt es sie inzwischen in fast jeder Stadt. Das Problem ist das Geld: Es können nur so viele Dienste  zwischen den Haushalten ausgetauscht werden, wie an Geldeinkommen dafür zur Verfügung steht. Die Tauschringe haben das Problem umgangen. Sie haben ihre eigenen Verrechnungseinheiten und nennen diese z.B. Talente. Diesen Weg gehen nicht nur die Tauschringe. Unternehmen machen dasselbe in Form sog. Barter-Ringe. Seniorengenossenschaften machen es. Die Mitglieder verrechnen Dienste untereinander mit Zeitguthaben. Mit eigenen Verrechnungseinheiten tauschen, das verbindet man gerne mit Krisen- und Notzeiten oder der Zigarettenwährung. Nein, solche das Geld ergänzenden Verrechnungseinheiten haben eine große Zukunft, meint dagegen Bernhard Lietaer, ehemaliges Vorstandsmitglied der Belgischen Nationalbank, dort für die Einführung des EURO zuständig. 

Nehmen wir einmal an, Bürger würden sechs Stunden pro Woche in der Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit tätig sein, für Bürgerpunkte oder Talente im Wert von durchschnittlich 12,50 Euro pro Stunde. Dies ergibt einen Wert von 300 Euro pro Monat. Auf 40 Jahre umgerechnet: 120.000 Euro. Dies entspricht dem Einkommen von knapp fünf Vollzeiterwerbsarbeitsjahren. Wenn man dabei an vierzig Jahre denkt, ist nicht nur die Erwerbsarbeitszeit gemeint, denn Dienste gegenseitig anbieten und nachfragen kann man auch in der Jugend- und Seniorenzeit.

Ich höre schon den Aufschrei des Handwerks. Arbeitsplätze würden so vernichtet werden. Aber, wer Leistungen erbringt, kauft dafür auch Güter ein. Man denke nur an den Boom bei den Heimwerkermärkten. Auch haben Wirtschaft und Handwerk kein Monopol für Arbeit und Dienstleistungen. Wenn private Haushalte sich in Zukunft mehr selber untereinander die Haare schneiden, muss sich der Friseur dieser Konkurrenz stellen und sein Angebot darauf konzentrieren, was er besser kann, seien dies komplizierte Frisuren oder Perücken oder Maniküre und Pediküre. Und dies geschieht ja bereits. Die Konkurrenz der Haushalte hat im Friseurhandwerk zu Preissenkungen und differenzierteren Angeboten geführt.

 

3. Einkommen aus Gemeinsinnarbeit

Das Vo­lumen der ehrenamtlichen Arbeit ent­spricht in Deutschland circa einer Million Vollzeitar­beitsplätzen. Jeder dritte Bürger ist grundsätzlich zu einem ehrenamtlichen Engagement bereit. Der Gedanke der Zivilgesellschaft rückt neben dem traditionellen Ehrenamt den Aspekt des bürgerschaftlichen Engagements und der Bürgerbeteiligung mehr in den Mittelpunkt. Aber die Infrastruktur für Gemeinsinnarbeit ist unterentwickelt. Das Angebot ist oft nicht differenziert genug für die Wünsche der Bürger. Oft ist es leichter zu erfahren, welche offenen Jobstellen es gibt als wo man sich als Bürger engagieren kann. Freiwilligenagenturen und Bürgerstiftungen sind Wege, dies zu verbessern. Oft mangelt es auch an Qualifikationsmöglichkeiten, und Anerkennungssystemen bis hin zu einer finanziellen Honorierung. ber wie könnte eine solche finanzielle Honorierung aussehen?

Man könnte es den Steuerzahlern überlassen, ob sie ihre Steuern voll an den Staat bezahlen oder ob sie sich entscheiden einen Teil, sagen wir 5%, wie in Italien der Fall, statt dessen direkt in bürgerschaftliche und kommunale Projekte als Geld-, Sach- oder Personalleistung einzubringen oder alternativ in kapitalansparende Fonds für Gemeinsinnarbeit oder in Stiftungen wie Bürgerstiftungen einzuzahlen. Denkbar sind auch Steuererleichterungen aus bürgerschaftlichem Engagement. Denkbar ist auch eine direkte Honorierung, wie es sie bei dem sog. Bürgergutachten heute schon gibt. Eine Kommune kann sich fragen, was sie aus Leistungsbeiträgen der Bürger einspart bzw. wo sich Qualitätsverbesserungen ergeben und die Hälfte davon an die Engagierten in Form von Honoraren weiter reichen. Beispiele hierfür gibt es genug: Eine Stadtteilbibliothek, die von den Bürgern unterhalten wird, Mithilfe im Kindergarten, Übernahme von Patenschaften für Menschen und Projekte. Man kann bürgerschaftliches Engagement zum Teil auch in Form von Talenten oder Bürgerpunkten statt in Geld honorieren, mit denen man dann wieder Geld sparend öffentliche Dienste in Anspruch nehmen kann.

Ein Rechenbeispiel:  Ein Bürger engagiert sich im Laufe seines Lebens 100 Monate in Ehrenamts- und Bürgerschaftsprojekten. Das sind rund acht Jahre, verteilt auf ein ganzes Leben.

Bei durchschnittlich monatlich 300 Euro Bürgergeld (in etwa die Übungsleiterpauschale) entstünde ein Einkommen im Wert von 30 000 Euro. Das entspricht mehr als dem Einkommen eines Vollzeiterwerbsjahres.

In der auf uns zukommenden Senioren-Gesellschaft werden Senioren vermutlich ein wichtiger Träger der Gemeinsinnarbeit werden. Durchaus denkbar ist, dass in Zukunft ein Teil der Rente an solche Leistungen gebunden sein wird. Aber auch die Jungen entdecken in Deutschland wieder mehr das ehrenamtliche Engagement. Sie betrachten es als eine Möglichkeit, ihr Humankapital zu erweitern und nützliche Kontakte zu schließen, man denke an die Nachfrage nach dem ökologischen und sozialen Jahr.

4. Vermögensbildung

Neben Eigenarbeits-Einkommen, Einkommen aus Diensten der Bürger untereinander und Honoraren aus Gemeinsinnarbeit ist die vierte außerberufliche Einkommensquelle Einkommen aus Vermögenserträgen. Stichwort Riesterrente. Etwa 30% des Einkommens eines Durchschnittsrentners sind Erträge aus Vermögen, Vermietung und andere Einkommen neben der Rente.

Wenn wir es schaffen, dass der Durchschnittsbürger durch mehr private Vermögensbildung ein zusätzliches Vermögen von 25.000 Euro aufbauen kann, sind das bei einem Zins von 5%   1.250 Euro pro Jahr, in 30 Jahren 37.500 Euro. Dies entspricht dem Durchschnittseinkommen aus 1 ½ Jahren Erwerbstätigkeit. 

Fassen wir die Beispiele zusammen, ließen sich in einer Tätigkeitsgesellschaft bei vorsichtiger Schätzung außerhalb der Erwerbsarbeit ein Einkommen von 337.000 Euro schaffen, ein Einkommen, das dem Durchschnitts-Einkommen aus 13 Jahren Vollzeiterwerbsarbeit entspricht. Mit einer Ausdehnung der außerberuflichen Tätigkeiten bräuchte man zur Erhaltung des gleichen Lebensstandard über ein Drittel weniger zu arbeiten, unterstellt man eine Erwerbsarbeitszeit von durchschnittlich 34 Jahren, was heute üblich ist. (Berufseintritt mit 25 Jahren, Renteneintritt mit 59 Jahren).  Durch die Zunahme außerberuflicher Tätigkeiten würde auch eine Entlastung der Arbeitsmärkte eintreten, d.h. die Tätigkeitsgesellschaft trägt ihrerseits zu mehr Vollbeschäftigung bei.

 

5. Die Bildungsarbeit

Damit das alles funktioniert, braucht es anerkannte Qualifikationsbausteine im System des lebenslangen Lernens nicht nur für die Erwerbsarbeit, sondern auch für die anderen Tätigkeiten, z.B. eine Qualifikation als Moderator für Bürgerkooperation.

Wissen ist in Zukunft der wichtigste Produktionsfaktor. Die Felder, aus denen das zukünftige Wachstum entsteht, werden Bildung und Gesundheit sein. Es gibt zunehmend Vorschläge, z.B. der Unesco, die Bildung so wie Produktions- oder Dienstleistungstätigkeit als produktive Arbeit definiert wissen wollen für die es spezielle Einkommen gibt, seien dies Stipendien oder Bildungsgutscheine, wie sie z.B. das Arbeitsamt heute schon ausgibt. Diese Einkommensquelle habe ich in der obigen Einkommensberechnung noch gar nicht einbezogen.

 

Fassen wir einige Vorteile der Tätigkeitsgesellschaft zusammen:

 

Sie fördert die Binnen-Nachfrage, denn für  außerberufliche Tätigkeiten braucht man auch Waren und Dienstleistungen vom Markt.

Ein höheres Aktivitätsniveau in den außerberuflichen Lebensbereichen stellt die Wissensgesellschaft auf eine breitere Fähigkeitsbasis.

Austäusche zwischen den Bürgern und mehr Bürgerkooperation fördern die Zivilgesellschaft und die wieder öfter geforderte Eigenverantwortung der Bürger.

Vor allem aber schafft eine Tätigkeitsgesellschaft ein breiteres Anerkennungsspektrum für menschliche Leistungen. Wer heute nicht erwerbstätig ist, der ist oft auch aus der Gesellschaft herausgefallen. Schauen sie sich einmal die Coaches und Trainer an, die im Auftrag des Arbeitsamtes Kurse für Erwerbslose durchführen. Alles ist nur darauf ausgerichtet, wieder einen Job zu finden. Besser wäre es, dieses Ziel mit einem anderen zu verbinden: Welche befriedigende Tätigkeiten gibt es auch außerhalb der Erwerbsarbeit. Statt nur Bewerbungen zu schreiben, sich auch in der Zwischenzeit einmal ehrenamtlich zu engagieren, beispielsweise. Dass sich dies auch positiv auf Bewerbungen auswirkt, ist bekannt. Menschen nehmen dies aber nur an, wenn ihnen klar wird, dass solche Tätigkeiten für ihr Glück ebenso wichtig sind wie der Beruf und dass sich hieraus neue Fähigkeiten und Freunde ergeben.

Wie die Hirnforschung zum Thema Glück  herausbekommen hat, sind Familie und Freunde der wichtigste Glücksfaktor.

Wie sie herausbekommen hat, ist eine herausfordernde Aufgabe ein wichtiger Glücksfaktor, wobei die Art der Tätigkeiten dem Hirn ziemlich egal ist, egal ob es Erwerbsarbeit oder eine andere Tätigkeit ist, Hauptsache es ist etwas, was einem gefangen nimmt und erfüllt.

Was nützt mir das alles, wird sich der aber fragen, der schon hundert Bewerbungen geschrieben hat, und langsam aber sicher verzweifelt. Aber in Wirklichkeit ist es eine Botschaft: Suche weiter den Job aber erfülle die Zwischenzeit!

In den meisten Fällen erfüllt selten ein einzelner Lebensbereich, sei dies der Beruf oder die Familie alleine alle Bedürfnisse. Ein breiter angelegtes Spektrum von Tätigkeiten, in dem jeder Bereich bestimmte Bedürfnisse abdeckt, ist oft eine bessere Strategie. Deshalb sind gegenwärtig Bücher über die sog. „Life Balance“ so en vogue. Auch das ist ein Grund für eine Gesellschaft der vielfachen Tätigkeitsfelder.

 Aber solche anderen Tätigkeiten müssen auch mehr anerkannt werden, denn nur mit Eigenanerkennung oder intrinsischer Motivation ist der einzelne oft überfordert.     

Diese Anerkennung zu schaffen erfordert ein Umdenken dessen, was man als produktiv ansieht in der Gesellschaft. Die notwenigen Netze und Infrastrukturen für eine neue Tätigkeitsgesellschaft zu schaffen, dies ist Aufgabe der Politik und des Gesetzgebers. Vieles kann schon auf kommunaler Ebene geleistet werden, City Jahr für Jugendliche, Bürgergutachten, Bürgerstiftung, Freiwilligenagenturen, Tauschringe, Seniorengenossenschaften, Stadtmarketing-Prozesse unter Einbeziehung der Bürger  sind nur wenige Beispiele. 

Wer angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen, inzwischen schon ein chronischer Zustand, seine Zweifel hat, ob in absehbarer Zeit wieder Vollbeschäftigung eintritt, der ist von dieser Aufgabe gefordert.

Wer sich fragt, wie die zukünftige Seniorengesellschaft mit über 30% Rentnern, die im Durchschnitt noch solange wie ihre Kindheits- und Jugendzeit gesund und fit sind, produktiv gestaltet werden kann,  kommt an der Frage der Tätigkeitsgesellschaft und einer neuen Definition von Produktivität nicht vorbei,

Was heute schon Einzelne tun, insbesondere oft Frauen, könnte statt des traditionellen Dreierschritts: Ausbildung – Erwerbsberuf - Rente zum verbreiteten Handlungsmodell werden: In manchen Lebenszyklusphasen wird man sich mehr auf die Erwerbsarbeit und die berufliche Karriere konzentrieren, in anderen eher Beruf, Eigen- und Familienarbeit mehr in Übereinstimmung bringen. In einer anderen Lebenszyklusphase wird man sich wieder mehr der Bildungsarbeit widmen,  z.B. in Form eines Sabbaticals oder Auszeit-Jahres, um neue Fähigkeiten zu erwerben. Bei Gelegenheit wird man an der Bürger - zu - Bürger-Tauscharbeit teilnehmen, um neue Kontakte zu knüpfen und sich die Eigenarbeit mit anderen zu teilen. Hat man seine wichtigsten privaten Ziele erreicht oder möchte man sich für ein gesellschaftliches Thema besonders einsetzen, kann  man sich in der Gemeinsinnarbeit engagieren und sich damit auch eine neue Sinnquelle erschließen.  Wer arbeitslos werden sollte oder SenorIn, fällt nicht wie heute oft in ein psychisches und soziales Loch, denn es gibt immer mehrere sozial anerkannte Aktivitätsmöglichkeiten. Die Gesellschaft erschließt sich für eine Zukunft, in der die Erwerbsarbeit nur noch knapp 10%  am Zeitbudget der Bürger ausmachen wird, neue Leistungsquellen und soziale Netze. Denn: gebraucht wird man nicht nur im Beruf.

 

 

Impressum:

Dipl. Ök. Helmut Saiger ist Zukunftsforscher, Berater und Autor u.a. des Buches: Die Zukunft der Arbeit liegt nicht im Beruf, Neue Beschäftigungs- und Lebensmodelle, Kösel 1998. Homepage: www.institut-saiger.de