Investment Banking übernimmt die Führung von Global Governance
Die wohl folgenreichste makroökonomische Entwicklung im abgelaufenen Jahrhundert ist die Herausbildung einer neuen Finanzarchitektur.
Drei Faktoren haben das Wachstum des Finanzsektors begünstigt.
Erstens: Die
Neuordnung der Finanzmärkte.
Die durch die beiden Weltkriege ausgelösten Wirtschaftsdesaster lassen
am Ende des II. Weltkriegs eine starke Kräftekoalition (Bretton Woods) entstehen,
die solche Krisen künftig auszuschalten gedenkt. Zu dieser Zeit geht man noch
davon aus, der globale Fluss von Geld und Kapital habe ausschließlich dem
operativen Wachstum und der Finanzierung des internationalen Handels zu dienen.
Nach dem Scheitern des Korsetts von Bretton Woods gewinnt dann der Finanzsektor ab Mitte der 70er Jahre enorme Handlungsspielräume zurück.
Das wissenschaftliche Konzept, das zum nun wieder nach vorne drängenden Kurs des Finanzsektors passt, ist der Monetarismus Milton Friedmans.
Generell geht es um die Stärkung der Freiheit der Märkte. Dies hat den Rückzug des Staates zur Voraussetzung. Der Staatsanteil muss verringert werden, Staatsaktivitäten sind weitgehend zu privatisieren, staatliche Vorschriften sind zu deregulieren.
Eine strikte Geldmengenpolitik soll die Inflation verringern und keynesianisch verursachte Konjunkturschwankungen beseitigen.
Zu diesem Konzept gehört auch die Liberalisierung des Außenverkehrs (Handel und Finanzen).
Dem Finanzsektor gelingt, den liberalisierten Rahmen für beeindruckende Positionsgewinne zu nutzen.
Zweitens
kann der Finanzsektor den langjährigen
Inflationstrend nutzen.
Im 20. Jahrhundert hat sich ein Inflationstrend entwickelt. Das Wachstum
der Geldmenge hat langfristig oberhalb der Expansion der realen Gesamtproduktion
gelegen. Tendenziell ist also mehr Geld von den Zentralbanken in den Kreislauf
eingespeist worden, als zur Finanzierung des Wachstums der realen Weltproduktion
benötigt wurde.
Dieser Inflationstrend hat den Finanzsektor begünstigt. Aus einer schleichenden Überversorgung der Geld- und Kapitalmärkte folgte ein überproportionales Wachstum des Finanzsektors.
Drittens trägt die Dynamik der Finanzakteure zum Wachstum des Finanzsektors bei.
Die Finanzakteure wissen, den geänderten Rahmen - Liberalisierung des Kapitalverkehrs plus schleichender Inflationstrend – für einen grandiosen Aufschwung zu nutzen.
Operativ gesehen revolutionieren sie Prozesse und Produkte und verdienen gut daran.
Monetär gesehen setzen sich Investment Banking an die Spitze der Bewegung. Es erreicht eine Machtposition, die eine zunehmende Loslösung des Finanzkapitals vom operativen, realen Kapital gestattet.
Drei Handlungsmuster zeichnen das Vorgehen der Investmentbanken aus:
Erstens erzeugen
sie Volatilität, um die Schwankungen finanziell zu nutzen.
Zweitens sind der Finanzwelt die
Zeithorizonte der operativen Welt zu lang. Ihr Interesse richtet sich auf
die Verwertung kurzfristiger Finanzchancen.
Drittens haben die Investmentbanken
den Schwenk von der Einkommens- zur Vermögensverteilung vollzogen. Sie verteilen
nun weltweit Vermögensbestände direkt um. Sie bestimmen nachhaltig das Geschehen
an der Börse und gewinnen, was die Masse der Bürger verliert.
Insgesamt verzeichnen wir ein überproportionales monetäres Wachstum des ganzen Finanzsektors. Innerhalb dieses Sektors vollziehen speziell die US-Investmentbanken einen unerhörten Ausbau ihrer Position. Sie übernehmen die Führung der Finanzwelt.
Das Geld büßt immer mehr seinen operativen Charakter
ein. Die Finanzierung der Produktion und des Handels von Gütern und Dienstleistungen
steht nicht mehr im Vordergrund. Das Geld wächst in eine genuin monetäre Rolle
hinein.
Die Finanzwelt beginnt ein Eigenleben.
Drei wesentliche Folgen dieser Entwicklung sind herauszustellen:
Folge 1: Unterminierung der Basis operativen Wirtschaftens
Der Finanzsektor nutzt die gewonnene Position auch gegenüber der operativen Wirtschaft. Dies wird besonders deutlich am Beispiel der US Industrie.
Die US-amerikanische Wirtschaft zeigte in den neunziger
Jahren:
Hohe Wachstumsraten und niedrige Inflation, ein beachtliches Beschäftigungsniveau
und eine Beschleunigung des Produktivitätswachstums, einen exzellenten Zustand
der Bundesfinanzen.
Eine breitere Sicht, die Analyse der langfristigen strukturellen Entwicklung nämlich, zeigt hingegen ein vollständig anderes Bild der amerikanischen Wirtschaft.
Die USA haben zwar ein höheres Wirtschaftswachstum
als Europa, müssen es aber teuer bezahlen.
Der amerikanische Verbraucher konsumiert mehr und spart weniger als die Europäer.
Daraus folgt eine niedrigere Investitionsquote und ein geringeres Produktivitätswachstum.
Dies mündet in gewichtige und immer weiter ansteigende Handels- und Leistungsbilanzdefizite
ein. Diese ziehen eine Verschuldung der USA gegenüber dem Rest der Welt nach
sich. Jahr für Jahr geraten sie mit ihrer Auslandsposition immer tiefer in
die roten Zahlen. M.a.W. Ausländer übernehmen einen stetig steigenden Anteil
am amerikanischen Volksvermögen.
Der Finanzsektor ist mitverantwortlich für diesen Niedergang. Die Handelsbilanzentwicklung der USA hätte eine Abwertung des Dollars gefordert. In den 90er Jahren jedoch hatte der Finanzsektor bereits eine Position erlangt, das Gegenteil zu tun. Die Finanzwelt setzte eine "Policy of A Strong Dollar" durch. Diese Politik ging fühlbar zulasten der operativen US-Wirtschaft und damit zu Lasten der dort zu findenden Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung. Deren Exporte wurden immer teurer, während die Exporte des Restes der Welt nach den USA immer billiger wurden. Die Erosion zeigt sich zuerst in den operativen Einheiten, vor allem in den Unternehmen im Industriesektor. Dieser ökonomische Machtverlust zieht langfristig unweigerlich einen Verlust politischer Macht nach sich
Folge 2: Die Arbeitsmärkte werden geflutet
Prinzipielles Ziel der Finanzwelt ist nicht nur die globale Freiheit des Flusses von Gütern, Dienstleistungen und Kapital. Der freie Fluss von Arbeit über alle Grenzen hinweg gehört ebenso zur Konzeption.
Wesentlicher Teil des Konzeptes ist die unbegrenzte Einwanderung von Arbeitskräften in hochentwickelte Industrieländer, um deren Arbeitsmärkte zu fluten.
Eine weitere Flutung des Arbeitsmarktes stößt aber auf bereits vorhandene ungelöste Probleme.
Schon heute verfügt beispielsweise Deutschland über eine Überkapazität von 6,6 Mio. Arbeitskräften. Schon heute haben wir mehr Nicht-Beschäftigte als Beschäftigte.
Jahr für Jahr benötigt die Volkswirtschaft aber wegen der Produktivitätsüberschüsse weniger Beschäftigungsstunden. Die Zahl der nachgefragten Erwerbstätigen wird deswegen schneller sinken, als die Bevölkerung dies tun wird.
Je mehr Einwanderung auf diese Konstellation trifft, um so höher wird deswegen der Grad der Nicht-Beschäftigung steigen.
Wegen der mit dieser Strategie verbundenen gewaltigen volkswirtschaftlichen Lasten wird die Basis der operativen Wirtschaft weiter unterminiert. Diese Bürde wird den übergeordneten Interessen der Finanzwelt untergeordnet.
Einwanderung ist ein Feld, auf dem in auffälliger Weise Fakten ignoriert werden. Warum werden bei diesem doch für die Wohlfahrt der ansässigen Bevölkerung so entscheidenden Thema so reichlich irreführende Szenarios vorgetragen? Es liegt auf der Hand, die Interessen im Spiel werden von außerhalb des Landes vorgegeben.
Einen entscheidenden Hinweis auf das Ziel gibt Milton Friedman, der neoliberale Nobelpreisträger. Er hat die volkswirtschaftlichen Konsequenz dieser Strategie so formuliert: "You cannot simultaneously have free immigration and a welfare state". Dies ist keine bloß analytische Feststellung. Dies bringt die Zielsetzung der Finanzwelt auf den Punkt. Die Vorgaben der Finanzwelt überdecken nationale Interessen.
Folge 3: Ein neuer Inflationstyp - Inflation der Vermögenspreise
Wir
sind seit 100 Jahren mit einem Trend steigender Inflation konfrontiert.
Im Vordergrund der Diskussion stand dabei immer die Inflation der Konsumgüterpreise.
Ab 1979 schiebt sich jedoch ein anderer Typ von Inflation in den Vordergrund:
Die Inflation der Preise für Vermögensbestände.
Die wesentliche Ursache dafür ist das Vordringen der Finanzwelt im allgemeinen und des Investment Banking im besonderen. Investment Banking hat seine ganze Macht zunächst in der "New Economy" und danach mit der Vorgabe an die Politik, Überschuss-Liquidität bereitzustellen, demonstriert. Die US Zentralbank hat nach 2000 die Geldschleusen geöffnet. Die japanische und chinesische Zentralbank betreiben ebenfalls seit Jahren eine „ultraexpansive“ Geldpolitik.
Nur wegen dieser übermäßigen Aufblähung der Weltgeldmenge unterbleibt die Bereinigung des gefährlichsten strukturellen Ungleichgewichts in der Weltwirtschaft - der immer weiter wachsenden Kluft zwischen den Handelsbilanzdefiziten der USA einerseits und den Handelsbilanzüberschüssen Japans und Chinas andererseits.
Inflation ist nun keineswegs die einzige mögliche Folge dieser Überschuss-Liquidität.
Die erste Möglichkeit besteht darin, dass die Überschussliquidität vernichtet wird. Wenn die Dollar-Blase platzen würde, käme es zu einer drastischen Abwertung des Dollars. Die dann mögliche Weltwirtschaftskrise II würde zu Börsen- und Bankencrashs führen. Die daraus resultierende Geldvernichtung zöge die Beseitigung der Überschussliquidität nach sich.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass sich die Überschussliquidität in Bewegung setzt. Würde uns das Desaster der platzenden Dollar-Blase erspart, stellte sich die Frage, für welche Verwendungszwecke die jetzt existierende Überschussliquidität aktiviert werden könnte.
Wir haben gesehen, dass ein überproportionaler Anteil der gewachsenen Weltgeldmenge und der gewachsenen Vermögensbestände auf den Konten der Investmentbanken und der Finanzwelt gelandet ist. Natürlich wird die hier geparkte Überschussliquidität anders verwendet werden als wenn sie auf den Konten der Bürger verblieben wäre.
Der von der Finanzwelt gehaltene Vermögensbesitz hat nämlich solche Größenordnungen erreicht, dass er für den Konsum praktisch überhaupt keine Rolle mehr spielt. Daraus folgt, dass die gesamte Überschussliquidität im Besitz der Finanzwelt sich allein auf Aktiva, also auf Vermögensbestände, richten wird.
Je höher also der Anteil der Weltüberschussliquidität, der im Besitz des Finanzsektors und insbesondere der Investment Banken ist, um so höher die Bewegung der überschüssigen Geldmenge in Richtung einer Vermögenspreisinflation.
Seit 1979, dem Durchbruch des Monetarismus in der Praxis, hat es eine spürbare Disinflation bei Konsumgütern gegeben. Gleichzeitig müssen wir jedoch eine beschleunigte Verteuerung von Aktien über die letzten 20 Jahre hinweg registrieren.
Diese Kreuz-Formation wirft
ein krasses Bild auf die Ergebnisse des Monetarismus.
Leistet er zwar eine sichtbare Disinflation der Preise von Konsumgütern, so
versagt er ganz offensichtlich in Bezug auf die Kontrolle der Inflation der
Preise von Vermögensbeständen. Sein ureigenstes Anliegen, die Kontrolle der
Inflation, ist ihm nicht gelungen.
Das
Ergebnis: Die Investment Banken
an der Spitze der Finanzarchitektur
Aus dem System von Nationalstaaten wächst ein
globales Machtsystem
Aus langer Gewohnheit heraus wird politische Macht am Nationalstaat festgemacht. Das ist in einer global zusammenwachsenden Welt überholt.
In der global vernetzten Welt verlieren die Staaten an politischer Macht. Andere Strukturen treten an ihre Stelle. Das heißt, wir müssen uns freimachen vom immer noch vorherrschenden Bild, die USA seien Weltmacht Nr. 1.
Sie sind zwar noch immer die mächtigste Nation, aber nicht mehr die mächtigste Macht.
Parallel zur Kapitalliberalisierung seit 1973 lief eine Welle nationaler Deregulierungen. Hatte das System von Bretton Woods noch einen substantiellen Einfluss der Regierungen auf den Kapitalverkehr sichergestellt, so kehrte sich dies in den folgenden Jahrzehnten um. Die Finanzakteure konnten nunmehr eine Dynamik entfalten, die ihnen einen beispiellosen Machtzuwachs bescherte.
Diesen Machtzuwachs nutzten sie in doppelter Hinsicht:
Erstens schufen sie eine neue globale
Finanzarchitektur, an deren Spitze die dynamischsten Akteure, die Investment
Banken selbst, stehen.
Zweitens resultierte aus ihren Aktivitäten ein neues Weltmachtsystem,
„Global Governance“, an dessen Spitze nicht mehr die USA, sondern die Finanzwelt
positioniert ist.
Die wichtigsten Investment Banken haben zwar ihren Sitz in den USA. Sie unterliegen aber nicht mehr der Führung durch die Repräsentanten des Nationalstaates. Ihr langfristiger Machtzuwachs schlägt in eine neue Qualität um. Sie beginnen, ein Eigenleben zu entfalten.
Weiter noch:
Wenn sie in der Lage sind, eine neue Weltmachtpyramide zu schaffen und sich selbst an die Spitze dieser Pyramide zu katapultieren, dann geht ihr globaler Einfluss weit über die Führung der mächtigste Nation hinaus.
Die Finanzwelt, mit den Investment Banken an der Spitze, haben eine nie gekannte Machtstellung erreicht. Die Facetten dieser Macht werden an sechs ausgewählten Fallbeispielen verdeutlicht:
Und sie bauen Global Governance weiter aus: "Die Verflechtung der Finanzmärkte macht eine engere Zusammenarbeit unumgänglich. "Global Governance" hat sich als kooperative Problemlösung auf der Basis allgemein anerkannter Spielregeln entwickelt - für die nationale wie auch für die internationale Wirtschaftsordnung. Im Rahmen dieses global orientierten Regierungshandelns ist ein Netzwerk transgouvernementaler Zusammenarbeit entstanden" (Jürgen Stark, Vizepräsident der Bundesbank).
Ganz sicher sind es nicht die Präsidenten von IWF
und Weltbank, die den Ton angeben.
Ganz sicher spielen diejenigen Akteure, bei denen das Geld primär aufläuft,
die ausschlaggebende Rolle. Sie investieren einen Teil dieses Geldes in politische
Macht, in Mediendienstleistungen, in wissenschaftliche und kulturelle Meinungen.
Weltweit werden nach diesen Vorgaben die Strukturen von Staaten umgebaut. Global Governance greift inzwischen tief in die Politik der Einzelstaaten der Welt ein.
Wenn sich Investment Banking an der Spitze der Pyramide positioniert hat, bedeutet das natürlich nicht Alleinherrschaft. Aber seine Macht nimmt tendenziell zu. Das System bewegt sich in die Richtung des weiteren Ausbaus ihrer Position.
Andererseits divergieren aber bei den zu ziehenden Schlussfolgerungen, bei der Frage nach der Reformfähigkeit des Systems, die Auffassungen stark:
Vorherrschend ist
die Botschaft: „There is no alternative“ (TINA).
Jeder Staat befinde sich im weltweiten, globalen Wettbewerb, den er nur bestehen
könne, wenn er die Liberalisierung im eigenen Land weiter vorantreibe und
auf internationaler Ebene unterstütze.
Wenn also einerseits die Anfälligkeit des Systems durch den weiteren Machtausbau der Finanzwelt zunimmt, andererseits jede Reform zum Rückbau der Finanzarchitektur verhindert wird, stellt sich die Frage, ob eine II. Weltwirtschaftskrise unabwendbar wird.
Wenn sich das Muster wiederholen sollte, das wir herausgearbeitet hatten, wird dann eine Weltwirtschaftskrise zur Neuordnung der Finanzmärkte führen?
Impressum: Dr. rer. pol. Karl H. Pitz, Diplomvolkwirt, Frankfurt am Main
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