Jürgen Schampel / Januar 2004
Mentalitätsanalyse
Globale Egomanie: Die antisoziale Fiktion unter Bedingungen des Verdrängungswettbewerbes
Der Individualismus hat in der Wohlstandsgesellschaft eine neuartige Form der Egomanie geschaffen. Genauer betrachtet handelt es sich dabei um die Mentalität einer Überbau-Vorstellungswelt, welche den Bezug zum realen Untergrund verloren hat. Diese Mentalität entstand zunächst als Generationsphänomen; sie betrifft Menschen, die in die Wohlstandgesellschaft hinein gebohren wurden und in dem Glauben eines unendlichen, unbedingten wirtschaftlichen Wachstums aufwuchsen. Die Formen der schuldengetragenen Bubble-Ökonomie seit Mitte der 90ziger Jahre hat dabei eine weltfremde Mentalität hervorgebracht, die eigene Ansprüche ohne Realbezug zur Geltung bringt. Es handelt sich hierbei – anders noch als bei Goethes Prometheus-Phantasien , die den „Genius“ der Kunst im Visier hatten – um eine illusionäre Vorstellungswelt.
Diese Vorstellungswelt wird sich an der Realität abreiben und früher oder später zusammenbrechen. So verläuft die Welt.
Dieses Abreiben, da sollte man sich nichts vormachen, verläuft nicht in harmlosen Formen. Der vermeintlich per Naturrecht zustehende Anspruch auf eine optimale egoistische Lebensausgestaltung treibt insbesondere willensstarke Vertreter dieser Mentalität zu einem Kampf gegen die Mitwelt. In ihrer Vorstellungswelt geht es allen auf dieser Welt besser als ihnen – und aufgrund ihres vermeintlichen Naturrechts wollen sie die vermeintliche Benachteiligung in gar keinem Fall auf sich sitzen lassen.
Durch ihre Agtressionsabsicht begeben sie sich auf einen Weg, der alles wegdrücken will, was ihrem Egoismus entgegenläuft. Opfer sind dabei wie immer Schwächere. Aber auch die Starken können sich nicht sicher vor ihnen fühlen. Die neuen Krieger verhalten sich wie alle Kriegsentschlossenen: Ob ungeschminckt oder hinterhältig - sie nutzen jede Gutmütigkeit und Schwäche aus. Ihre Moral ist bestenfalls Clan-bezogen; eine höhere Moral ist bei ihnen nicht zu erwarten.
Diese Wendung vom friedlichen „Alles-Woller“ zum asozialen Egoisten ging einher mit der Zunahme des wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerbs. Dessen Handlungsregel für das Individuum lautet: Ohne Verdrängung kannst du nichts mehr werden.
Auch die Massenarbeitslosigkeit ist eine Folge des Verdrängungswettbewerbs. Weil niemand zugunsten anderer verzichten wollte, wurden Produktivitätsfortschritte in Bezug auf die Arbeitszeitverteilung durch Verdrängung gelöst. Man „entließ“ Mitarbeiter, anstatt Produktivität zugunsten aller zu nutzen. Kollegen haben dabei teiweise sogar gezielt gemoppt oder ganz einfach nur gehofft, dass sie selbst nicht betroffen sind.
Der Preis dafür war hoch. Und nun sollen die Kosten der sozialen Marktwirtschaft möglichst zu Lasten der „Verdrängten“ gesenkt werden.
Dadurch wird man das Problem nur aus der Perspektive einer egoistisch abgekapselten Vorstellungs- und Willenswelt los. Aber nicht wirklich. Das Ergebnis ist nicht ein erzwungener Frieden, sondern ein sich entfaltender sozialer Krieg. Die Skrupelosigkeit der Ausgrenzenden provoziert nachfolgend irgendwann Skrupellosigkeit bei den Ausgegrenzten. Das entspricht den Bedingungen, die man in Gang gesetzt hat.
Die Gesellschaft zerstört damit schrittweise ihre Integrität, weil sie zu einem Raum zunehmender Implosionen wird. Solche Tendenzen neigen irgendwann zu Eskalationen.
Die „Strukturkrise“ ist ein beschönigendes Wort für eine tiefgreifende Kulturkrise, die mit der Aufklärung begonnen hat. Die Individuen schwanken seit her zwischen einem Minderwertigkeitsgefühl (ich bin nur eine Ameise oder ein kleines Rädchen im Getriebe) und einem Größenwahn (wenn ich nur will, kann ich).
Der Größenwahn wurde (aus heutiger Sicht) maßvoll mit Goethes Prometheus-Vision begonnen. Durch Nietzsches elitäre Übermensch-Konzeption erst wurde dadurch ein entfesselter „Egotrip“ als individuelles Verhaltensprinzip gegenüber der Mitwelt zur „Alternativ-Moral“. Nietzsche hat den Krieg aller gegen alle – radikaler und anders als Hobbes – zum höchsten positiven menschlichen Leitprinzip schlechthin erklärt. Mitleid galt ihm als Sünde vor dem Selbst.
Bemerkenswert ist, dass Menschen, die Nietzsches Werke gar nicht gelesen haben, sich heute genauso verhalten. Auch die Menschen, die das angeblich „positive Denken“ für jede Lebenssituation deklarieren – und gleichzeitig nie ein Entsetzen über den Weltlauf oder ihr eigenes Verhalten sichtbar werden lassen.
Nach ihrem Kodex sind „Gutmenschen“ out. Aber damit deklarieren sie sich explizit als Vertreter des Bösen - und als Feinde einer nachhaltig zivilen bzw. zivilisierten Weltordnung.
Diese „Bösmenschen“ erklären den Krieg. Die Gutmenschen müssen entscheiden, wie sie sich verhalten wollen: Als brave Lämmchen, die sich von den Wölfen unter Wölfen freiwillig ausgrenzen und schließlich auffressen lassen. Oder als Kämpfer gegen das Böse (das Unsoziale) und für einen weltweiten Fortschritt der Zivilisation.
Wir haben uns von den Erkenntnissen Immanuel Kants, der sein Leben für die „Bedingungen und Möglichkeiten“ eines aufgeklärten zivilisierten Lebens hingeben hatte, sehr weit entfernt. Kant hatte die Vision eines „ewigen Friedens“, der über einen Völkerbund erreicht werden sollte. Und er verlangte einen Dialog der Kulturen, der auf der Einsicht gründete, dass Toleranz ein wesentlicher Faktor ist, um mit der eigenen und fremden Begrenztheit der Weltsicht friedlich – und zugunsten eines allgemeinen Fortschritts der Zivilisation – fertig zu werden. Kant war sich immer bewusst, dass unser Kopf selbst begrenzt ist und damit jeder Versuch einer absoluten Entgrenzung der menschlichen Existenz nicht gut tun kann.
Für Kant war klar, dass der Mensch seine eigene Welt und den Kosmos nur nach eigenen Maßstäben und Kategorien erkennen und beurteilen kann. Und er hat weder der Menschheit noch einzelnen „erhobenen“ Gruppen und schon gar nicht einzelnen Personen zugetraut, jemals darüber hinaus kommen zu können. Für ihn war weder der Mensch das Maß aller Dinge noch erklärte er Gott für tot (aber für den Menschen unerkennbar – allein schon aufgrund des Problems das Endliches nicht Unendliches erkennen kann).
Ich bin weit entfernt davon, diese gesellschaftliche Fehlentwicklung rückwirkend Nietzsche als Person anzulasten. Denn er hatte seine Vorläufer von Protagoras über Feuerbach bis hin zu Hegel – und sein eigenes tragisches Schicksal spiegelte nur eine geschichtsrelevante, innere Neigung seiner Zeit wieder: Durch die Industrialisierung wurde die von Kant angestrebte, erkenntniskritische Maßhaltung und Nachhaltigkeit zugunsten eines zügellosen Egoismus fallengelassen. Wirtschaftliches Wachstum um jeden Preis wurde durch die Industrialisierung zur allgemeinen Lebensphilosophie. Es reichte nicht mehr wie Kant ein mechanistisch geregeltes Kreislaufdasein nach der Uhr zu führen, das allmählich und kontinuierlich zu Fortschritten führte. Ohne Wachstumswillen zu einer nicht mehr definierten Endgröße fühlte man sich minderwertig, weil nicht dazugehörig.
Diese Entfesselung hat große Katastrophen (insbesondere erster und zweiter Weltkrieg) evoziert – und ging danach weiter, ja entfachte sich technologisch erst richtig.
Die Prinzipien des Maßhaltens, die Kant für den Umgang mit unseren eigenem Vorstellungsvermögen eingefordert hatte, sind längst zu Bedingungen des materiellen Überlebens der Menschheit für die noch verbleibenden Millionen von Jahren des Menschseins auf dieser Erde geworden. Der Wahn menschlicher Selbstüberschätzung erzeugt immer größere werdende Mangelsituationen und Schädigungen für die kommenden Jahrzehnte und die darauffolgende Zeit. Bei Nachhaltigkeit geht es nicht um 10 oder 20 Jahre, sondern um 100 - 500 Jahre. Letztlich geht es sogar um Vorsorge bis zu dem Zeitraum, in dem die Sonne ihre Leben spendende Wirkung zu verlieren beginnt. Wie die Menschheit heute mit den Erdressourcen verfährt und ob sie bereit ist, in eine nachhaltige Ökonomie zu investieren, dies entscheidet wesentlich und endgültig über die verbleibenden „Bedingungen und Möglichkeiten“ unserer Nachfahren.
Näher betrachtet ist der Übermensch Nietzsches keiner: Denn er geht nicht „über sich hinaus“. Anstatt die Begrenztheit der Subjektivität zu überwinden, setzt er sich über die Befindlichkeiten anderer hinweg und postuliert archaische Rohheit als Tugend.
Nietzsche konstruiert damit keinen Übermenschen, sondern einen Unmenschen.
Übermenschliche Fähigkeiten verlangen dagegen moralische Absichten, die den Menschen für eine angemessene Koexistenz mit seiner Mit- und Umwelt öffnen und verpflichten wollen:
Denn ihre Realisierung macht es erforderlich, dass das Individuum eigene Belange im Kontext des Gesellschaftlichen zu bewerten und zu mäßigen lernt – und sich damit allerlei inneren Konflikten und einem anstrengenden Dialog mit anderen aussetzt, was häufig als Überforderung (Herausforderung Übermenschliches zu leisten) empfunden wird. Auch das christliche „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und viele Gebote anderer Religionen verlangen Über-Sich-Hinaus-Menschen. Vor allem Kants Idee eines ewigen Völkerfriedens verlangt einen solchen zivilisierten Menschen, denn sie überträgt den „kategorischen Imperativ“ (Handle so, dass die Maxime deines Handelns allgemeines Gesetz werden könnte) sogar auf Nationen.
Die Leitfigur des Übermenschen bleibt uns also erhalten, wenn auch ganz anders als Nietzsche es euphorisch verkündet hatte. Nicht als Selbsterhöhung, sondern als Über-Sich-Hinausgehen. Nicht als autistische Egomanie, sondern als Offenheit in Demut.
Küngs Initiative für ein Weltethos, die auf eine Unterstützung zumindest der Mehrheit der großen Religionen zielt, ist keine Nebensache, sondern fundamental für die Erringung einer weltweit moralischen Orientierung nach gemeinsamem Grundkonsens und zur Herstellung einer globalen Toleranz zwischen den in vielen Tausend Jahren unabhängig voneinander entstandenen Kulturen und Weltansichten. Ein Fundament zur Überwindung der Fundamentalismen.
Was hat das noch mit Neuer Ökonomie zu tun? Viel! Denn ohne das Wachstum von Demut vor der Schöpfung. Liebe zum Dasein, Respekt vor den Gefühlen und Ansichten anderer und Empathie sowie eine dabei mitwachsenden echte Dialogbereitschaft wird es nichts werden mit der Nachhaltigkeit. Der Dialog über die globalen Regeln zivilen Miteinander-Lebens und -Wirtschaftens ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg. Denn solche Regeln können sinnvollerweise nur im Dialog entstehen und bedürfen zu ihrer Verabschiedung einer Mehrheit.
Es wird hilfreich sein, sich vor solchen Welt-Dialogen voreinander respektvoll zu verbeugen und dann gemeinsam in Demut niederzuknien, um in einem überkonfessionellen Sinne gemeinsam zu beten: Gott, gib uns die Kraft, einen fruchtbaren Dialog zu führen und heilsame Entscheidungen zu fällen.