Der umwälzende Wandel im System der Produktion, der sich heute vollzieht, wird Auswirkungen haben, die weit über das hinausgehen, was die Erfindung des Fließbandes, der Dampfmaschine, der Elektrizität oder des Computers an Veränderungen mit sich gebracht hat.
Der große Übergang in das postindustrielle Zeitalter wird aber nicht ein Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft sein, sondern der gigantische Schritt von einem überholten Produktionssystem hin zu dem sich bereits ankündigenden System der Produktion. Dieser Wandel wird uns aus dem Industriezeitalter hinaus und direkt in die postindustrielle Periode hineinkatapultieren.
Postindustrielle
Produktionsformen und Versorgungsketten schaffen neue Arbeitsplätze.
Landesweit. Überall auf der Welt. Diese Arbeitsplätze entstehen
nicht als Folge-Effekt von wirtschaftlichem Wachstum, sondern sie erzeugen
selbst neues binnenwirtschaftliches Wachstum. Durch postindustrielle Ökonomie
kann die Abwärtsspirale zurückgeschraubt und in einen Aufschwung
gewandelt werden.
Wir haben im Produktionsprozess bereits ein Stadium erreicht, in dem die Herstellung von Teilen nach China, Indonesien oder in die Ukraine ausgelagert worden ist. Das heißt, dass es anachronistisch geworden ist, all diese Teile aus verschiedenen Ecken der Welt zu einer einzigen großen Fabrik in Alabama oder Mississippi zu senden, nur damit sie dort zusammengesetzt werden. Der eine Fuß hält Schritt, während der andere hinterherhinkt.
Unser gewohntes Bild von der Fabrik der Zukunft weist in die falsche Richtung. Wie in vielen anderen Fällen schreiben die Bilder, die wir uns ausmalen, einfach die Grundzüge der gegenwärtigen Trends in die Zukunft fort, und das ist gedanken- und phantasielos. So stellen wir uns meist Fabrikhallen vor, die noch gigantischer sind als die heute vorhandenen und in denen noch weniger Menschen arbeiten, als das heute der Fall ist. Und diese wenigen Arbeiter tragen natürlich alle weiße Kittel und gehen mit einem Klemmbrett in der Hand kilometerlange Reihen von Robotern entlang.
Meine Vorstellung vom nächsten Stadium der Produktion, das sich schon heute abzeichnet, sieht ganz anders aus. Lange Reihen von Robotern sind nämlich schlichtweg ineffizient. Allein schon der bloße visuelle Eindruck sollte genügen, uns bewußt zu machen, wie verschwenderisch und altmodisch diese Grundanordnung geworden ist. Einhundert Roboter auf beiden Seiten des Fließbandes? Und jeder einzelne sieht aus wie ein langhalsiger Vogel oder eine schwarze Giraffe? Jeder davon beugt sich vor, als wolle er eine einzige Nuss aufpicken? Wie könnte einem die Komik, die schiere Absurdität eines solchen Anblicks entgehen? Allein aus diesem visuellen Eindruck könnte jedes intelligente Kind den Schluss ziehen, dass der nächste Schritt kurz bevorsteht: Dass in Zukunft ein Roboter die „Intelligenz“ besitzen wird, die heute 100 Roboter besitzen, so dass man nicht mehr für jede kleine Operation einen eigenen Roboter brauchen wird. Statt der alten Roboter wird es neue geben, die sehr viel komplexer programmiert und die sehr viel flexibler und vielfältiger einsetzbar sind als unsere heutigen, so dass ein einziger die ganze Abfolge von Arbeitsgängen erledigen kann, für die man heute noch ein „Fließband“ braucht.
Eine Entwicklung in vergleichbarer Richtung war bei den Computern zu beobachten. Die Entwicklung ging nicht in Richtung immer größerer und plumperer Geräte, sondern im Gegenteil in Richtung der Miniaturisierung, hin zu von immer kompakteren, mobileren und kleineren Geräten. Es scheint völlig plausibel, dass die Entwicklung von Produktionsstätten im Großen und Ganzen den gleichen Entwicklungslinien folgen wird.
Die stereotype Darstellung des Archetyps einer Fabrik dürfte sich daher gründlich verändern. Einiges davon geschieht schon längst. In den Bereichen schneller wirtschaftlicher Entwicklung sind die meisten der neu entstehenden und vielseitigen Produktionsstätten, wie jeder weiß, nicht groß, sondern klein. Diese Entwicklung scheint mir in die Zukunft zu weisen, in der wir in der Tat nicht mehr gigantische Fabrikhallen haben werden, sondern genau das Gegenteil. Die ideale Fabrik der Zukunft könnte eine Werkstatt sein, manchmal vielleicht sogar nur ein Schuppen oder eine Garage, in der eine einzige Maschine einen kompletten Satz verschiedener fertiger Teile eines Produktes erstellen wird.
So etwas hört sich für viele Menschen heute noch recht futuristisch an. Sie glauben, dass es noch zehn bis 20 Jahre dauern wird, bis wir so weit sind, und sie sind der Meinung, dass es zwar ganz interessant und vergnüglich ist, über solche Alternativen nachzudenken, weil sie ja von der Größe her so viel menschlicher wären, vielleicht auch weniger laut und geradezu bukolisch, dass sie aber immer marginal bleiben werden. In vielen Gesprächen habe ich zu hören bekommen, dass diese Idee charmant ist, jedoch wenig ausrichten wird, weil sie sich am Ende nicht gegen den Moloch, das Monstrum der Massenproduktion wird durchsetzen können. Es mag zwar gewisse Stärken und sogar Vorteile dieser verstreuten und dezentralisierten Prozesse geben, aber ihnen gegenüber stehe aber weiterhin die viel effizientere Fließbandproduktion. Denn diese sei, unter dem Strich, einfach billiger. Und wer billiger produziert, der gewinnt! Ob es uns gefällt oder nicht.
Nehmen wir als Beispiel einen Lippenstift, aber behalten wir dabei im Hinterkopf, dass wir genauso gut von 500 anderen in Massen produzierten Artikeln sprechen könnten, in Deutschland hat der inzwischen berühmte Fall eines Yoghurtbechers tatsächlich ein ganzes Regalbrett von Literatur hervorgebracht. Ein erster Punkt nun ist einfach die Differenz zwischen den Kosten der Herstellung eines Lippenstiftes in der Massenproduktion und dem Preis, den man dann in einer Drogerie dafür zahlen muss. Die Herstellungskosten eines Lippenstifts mögen in der Größenordnung von fünf oder sechs Cent liegen, während der Verkaufspreis im Laden bei zehn oder elf Euro liegen kann. Relevant ist hier die Tatsache, dass die Bilder, die jeden von der überwältigenden Preisgünstigkeit der Massenproduktion überzeugen, immer Bilder aus dem Inneren der Fabrik sind, wo die Produkte in einer Größenordnung von 200 Stück pro Minute vom „Fließband“ in einen Container fallen.
Der Haken besteht darin, dass im System der Massenproduktion dieser Teil nur das erste Glied einer langen und komplizierten Kette von Abläufen ist. Was in diesem Bild nicht enthalten ist, sind die Kosten für die Verpackung, für den Versand, für die Werbung und natürlich für eine Myriade oft versteckter Kosten für die Fabrik und außerdem noch für das komplizierte Vertriebsnetz und die Kosten für die Läden, in denen der Lippenstift schließlich verkauft wird. Ganz besonders ins Gewicht fallen die Gehälter nicht nur für die Menschen, die direkt mit der Produktion zu tun haben, sondern für die ganze Hierarchie der Chefs bis hin zu den Sondergratifikationen für das höhere Management und den Dividenden für die Investoren. Der Kernpunkt ist ganz einfach: Wie viel von diesen zusätzlichen Kosten, die den ungeheuren Unterschied zwischen den Produktionskosten von sechs Cent und dem Ladenpreis von elf Euro ausmachen, ließen sich in einem System der Herstellung in kleinen Werkstätten eliminieren beziehungsweise einsparen?
Nicht übersehen sollten wir auch, das die industrielle Massenproduktion durch Automatisierung eben auch "Massenarbeitslosigkeit" erzeugt. Die Kosten der Massenarbeitslsoigkeit sind gewaltig und senken die Kaufkraft im Binnenmarkt.
Wie wirtschaftlich ist Massenproduktion auf dem heutigen Stand der Technik dann wirklich noch?
Bis vor kurzem konnte man diese Frage niemals ernsthaft stellen, denn das System der Massenproduktion hatte keine Konkurrenz. Nicht einmal eine bloß denkbare Alternative. Eine Produktion mit simplen, primitiven Werkzeugen hatte der industriellen Produktionsweise nichts entgegen zu stellen, musste im Wettbewerb unterliegen. Doch das hat sich mittlerweile geändert: Technisch ist ein weitaus überlegeneres, intelligenteres, fortschrittlicheres System der Produktion möglich geworden. Begriffe wie „Lean Production", "Just-In-Time“, "Outcourcing"„ "schlanke Unternehmen" oder "flache Hierarchien“ sind Ausdruck dieser Veränderung. Einige der größten Unternehmen wie Ford Motor Corporation und General Motors haben bereits so viel in kleinere, oft unabhängige und effizientere Einheiten ausgelagert, dass die Leute im Management sich manchmal, halb im Scherz, fragen: Was ist eigentlich noch übrig? Was macht die Ford Motor Corporation eigentlich noch?
Die eigentliche Arbeit, die tatsächliche Herstellung, findet immer mehr in kleinen, schnell wechselnden Werken statt, und das große Unternehmen ist nicht einmal, wie man annehmen sollte, das Knochengerüst, das all diese Elemente an ihrem Platz hält. Nein, selbst die Koordination wird zunehmend von kleineren Untereinheiten selbst geleistet. Das ursprüngliche Unternehmen ist in vielen Fällen nur noch die Käseglocke, der Markenname, unter dem diese Stücke liegen.
Das Zusammenbauen irgendwelcher Dinge in riesigen Hallen, die wie Flugzeughangars aussehen, ist offensichtlich alles andere als billig. Wir alle kennen Beispiele hierfür. Daraum sich viele Verbrauicher daran gewöhnt, zahlreiche Gegenstände lieber in Bausätzen zu kaufen. Nicht nur Bücherregale, auch viel kompliziertere Möbelstücke und alle möglichen Geräte wie Holzkohlegrills, Fahrräder und elektronische Spielzeuge. Die Antwort ist einfach: Der Zusammenbau eines Musikschranks und der Versand und Transport dieses kompletten und zerbrechlichen Möbelstücks sind ein typisches Merkmal des alten Systems der Massenproduktion, die kostenintensiv und überholt ist. Sie wäre auch dann noch teuer, wenn pro Woche 1000 Musikschränke zusammengesetzt würden. Darum machen wir das lieber selbst. Bei allem Frust, der uns überkommt, wenn wir bäuchlings auf dem Wohnzimmerteppich liegen und nicht wissen, wo das nächste Teil eingepasst werden soll, lohnt sich dieser Prozess.
Warum? Will man Möbel en masse in einer Fabrik zusammensetzen, braucht man dazu eine große Fabrikhalle. Große Hallen sind teuer. Zu den Bau- oder Mietkosten kommen die Ausgaben für Montagevorrichtungen, Strom und so weiter hinzu. Und natürlich die Personalkosten! Nichts davon ist nötig, wenn man den Musikschrank zu Hause selbst zusammenbaut. Der Raum dafür und die Beleuchtung sind bereits vorhanden. Den Zusammenbau können wir zu einem von uns selbst gewählten Zeitpunkt erledigen. Darauf beruht das Erfolgsgeheimnis des IKEA-Geschäftsmodells.
Allerdings ist das bis heute auf eine geringe Zahl von Waren beschränkt, und es sind durchaus nicht nur die von Natur aus einfachen. Wichtig scheint dabei zu sein, dass das Zusammenbauen unkompliziert und sauber zu erledigen ist und man dazu - und das ist ganz entscheidend - nur relativ wenige und ganz gewöhnliche Werkzeuge braucht.
Hat man kleine, separate Werkstätten, von denen jede einzelne die Kapazität besitzt, zwischen 30 und 50 verschiedene und doch ähnliche Teile herzustellen, dann ist es absurd, all diese verschiedenen Teile von 100 verschiedenen Zulieferern in eine große zentralisierte Fabrik zu senden, wo sie zu einem einzigen Produkt zusammengesteckt, -gelötet oder -geschweißt werden. Denn dieser aufwendige Prozeß bringt eine verschlungene Kostenkette mit sich. Weitere Kosten werden dadurch verursacht, dass das klobige Endprodukt nun wieder über zum Teil große Entfernungen transportiert werden muss, um schließlich beim Kunden anzukommen.
Relativ wenige und klar ersichtliche Schritte - von denen keiner schwindelerregende Durchbrüche voraussetzt - wären nötig, um uns in Reichweite eines wesentlich intelligenteren und unvergleichlich effizienteren Produktions- und Versorgungssystems zu bringen - eines Systems, das sowohl monströse Fabriken als auch riesige Montagehallen überflüssig macht.
Einen Schritt kennen wir bereits: Wir müssten von den mittelgroßen Unternehmen, in die bereits ein großer Teil der Herstellung ausgelagert worden ist, zu den kleineren und eleganteren Werkstätten fortschreiten, die ich gerade beschrieben habe.
Zweitens müssten
wir - was nicht leicht, sondern eine große Herausforderung ist - jedes
Produkt derart neu entwerfen, dass das Zusammenbauen in der Tat ein unkomplizierter
und sauberer Vorgang wird und mit relativ wenigen und ganz gewöhnlichen
Werkzeugen zu erledigen ist. Dazu wird es natürlich nötig sein,
das Produkt völlig neu zu zu konzipieren.
Drittens müssten wir die Software und die Infrastruktur entwickeln, die
es dem Kunden erlauben würden, einen kompletten Satz der Teile für
das gewünschte Produkt möglichst mit einem Klick von einer der etwa
30 Werkstätten zu bestellen - und zwar nicht aus Thailand oder Singapur,
sondern aus der Gegend, in der der Kunde lebt. Das ist könnte ein bedeutsamer
Vorteil der kleinen Produktionswerkstätten sein: sie könnten die
regionale Binnenwirtschaft bereichern und stärken, anstatt dass sie durch
Billigstimporte ausgedünnt wird. Durch postindustrielle Herstellungsverfahren
können landesweit neue zukunftssichere Arbeitsplätze entstehen.
Denn sie brauchen nicht die energieintensive Infrastruktur, die für die
heutigen riesigen Produktionsstätten nötig ist, und können
deshalb fast überall angesiedelt werden.
Mit dem eigenen Laptop über das Internet Dinge zu kaufen, ist längst nichts Futuristisches mehr. Unter meinen Bekannten gibt es bereits viele, die sich auf diese Weise sogar ihr Auto kaufen. Man wählt die Merkmale aus, die man haben will, „konfiguriert“ das Auto nach vorgegebenen Mustern und bestellt es dann direkt bei der Fabrik. Dies ist also eine Entwicklung, die bereits im Gange ist und die in Kombination mit der Herstellung in kleinen Werkstätten wiederum beide Seiten stärken würde: Der Kauf über das Internet ist die natürliche Ergänzung zur Herstellung in kleinen Werkstätten, und andersherum würden immer mehr Produkte auf diese postindustrielle Weise hergestellt, wenn immer mehr Menschen auf diese Weise einkauften. Natürlich ist nicht nur diese Einkaufsmethode von der Computertechnologie abhängig. Die Aufgabe, eine von Grund auf völlig neue Produktpalette zu entwerfen, wäre jedenfalls sehr mühsam, könnten wir das neue Design nicht mit Hilfe von Computern erstellen. Ähnlich ist es auch mit der Herstellung selbst: Ob sich das Produkt leicht zusammenbauen lässt, hängt weitgehend davon ab, ob die Teile auch exakt ineinander passen.
Die Grundlage der postindustriellen Ökonomie wird ein Netzwerk kleiner, lokaler Produktionswerkstätten sein. Die Käufer könnten die Produkte zum Teil selbst entwerfen und sie nach ihren Wünschen zusammenstellen. Dann würden sie ihre Bestellung per Computer an dieses Netzwerk abschicken, welches die Teile dann in die Montagewerkstatt in der Nachbarschaft liefert, wo den Kunden nicht nur die nötigen einfachen Werkzeuge zur Verfügung stehen, sondern auch Berater, die ihnen beim Zusammenbauen helfen können.
Der industrielle Komplex ist kein zusammenhängender, einheitlicher Block, sondern in zwei Grundtypen gespalten: Der Unterschied zwischen den alten Industrien (Automobil, Öl und Stahl) und den neuen Industrien (Computer, Software, Biotechnologie und Mikrochips) ist so groß, dass wir es hier mit völlig verschiedenen Welten zu tun haben. Die neuen Industrien - und das sind auch diejenigen, die sich in kleinen Fabriken und kleinen Organisationen entwickeln - nennen ihr Gelände oft einen „Campus“. Das ist ein Ausdruck, der sehr viele Dinge zusammenfasst. Die Rate der Angestellten mit Hochschulabschluss ist bei diesen Unternehmen sehr viel höher als in der Öl- oder Stahlindustrie. Ihre Verbindung zur akademischen Welt ist sehr viel enger - ja sogar so eng, dass man heute von einem akademisch-industriellen Komplex sprechen könnte. Und als Folge davon ist die gesamte Unternehmenskultur, bis hinein in die Sprache und Kleidung sowie die Ungezwungenheit des Umgangs, völlig verschieden von dem, was in den alten und „schweren“ Industrien gang und gäbe ist. Die neuen Industrien sind im Vergleich erkennbar „leicht“ und deshalb reaktionsschnell, agil und gewandt.
Über die Tiefe und Breite dieser Kluft hinaus gibt es einen Aspekt, der für die „alten“ Industrien besonders schmerzlich, für die „neuen“ Industrien jedoch besonders vielversprechend ist. Er besteht, kurz gesagt, darin, dass die machtvollen sich gegenwärtig entwickelnden Technologien ganz eindeutig auf der Seite der „neuen“ Unternehmen sind, während sie genauso eindeutig die „alten“ und großen Unternehmen benachteiligen. Was sind die drei modernen Erscheinungsformen der Technologie mit der größten Signalwirkung für „Modernität“? Viele würden wohl darin übereinstimmen, dass es das Internet, das Mobiltelefon und der Laptop sind. Wenn wir auch nur einen Augenblick nachdenken, wird sofort deutlich, dass alle drei dezentrale Strukturen fördern. Denken Sie nur an den jungen Unternehmer, der irgendwo hoch in den Bergen in seinem Pick-up sitzt und von dort aus mit aller Welt über Telefon und E-Mail kommuniziert.
Die großen Unternehmen schaffen per Saldo keine zusätzlichen Arbeitsplätze, sondern erhöhen die Zahl der Erwerbslosen. Wenn auf dem gegenwärtigen Stand unserer Entwicklung überhaupt Arbeitsplätze geschaffen werden, dann eher von den kleinen Firmen.
Die technische Entwicklung ist heute so weit fortgeschritten, dass immer mehr Güter, die sich früher nur in riesigen Massenproduktionsarten zu vernünftigen Endpreisen herstellen liessen, in Netzwerken lokaler Werkstätten fabriziert werden können. Nicht nur in gleicher Qualität, sondern sogar kostengünstiger.
Postindustrielle Produktionsformen und Versorgungsketten schaffen neue Arbeitsplätze. Landesweit. Überall auf der Welt. Diese Arbeitsplätze entstehen nicht als Folge-Effekt von wirtschaftlichem Wachstum, sondern sie erzeugen selbst wirtschaftliches Wachstum - und zwar im Binnenmarkt. Durch postindustrielle Ökonomie kann die Abwärtsspirale zurückgeschraubt und in einen Aufschwung gewandelt werden.
Von entscheidender wirtschaftspolitischer Bedeutung ist, ob sie eher als Netzwerke unabhängiger Bürger (z.B. in Form von Personengesellschaften oder Genossenschaften) oder eher als finanzkapitalistisch dominierte, dezentraliserte Großunternehmen (z.B. Holding-AG oder Franchise-Modelle) entstehen soll. Diesbezüglich wird sehr viel davon abhängen, ob überhaupt und wenn ja von welchem Zeitpunkt an die Wirtschaftspolitik, die postindustrielle Ökonomie als Gestaltungsaufgabe erkennt.
Ich selbst plädiere für eine bürgerlich geprägte postindustrielle Ökonomie und habe als Organisationsform „Zentren Neuer Arbeit“ vorgeschlagen, die sich an lokalen Bedürfnissen orientieren und von denen ich mir eine neue Kultur der Lebensqualität erhoffe. Nur so kann ich mir für die Zukunft eine lebenswerte, weil lebensdienliche Soziale Marktwirtschaft vorstellen. Eine Soziale Marktwirtschaft, die Wachstum fördert, solange Wachstum nötig oder wünschenswert ist, ohne darauf auf Gedeih und Verderb abzuhängen. Eine postindustrielle Ökonomie ohne Maximal-Profit-Orientierung ist aber auch als Steady State Economy tragfähig: Die Bürger produzieren lokal jeweils das, was sie für ein gutes Leben brauchen.
Der internationale Wettbewerb besteht dann darin, das sich Nationen und Staatenverbünde selbst mehr anstrengen, besser zu leben als andere Nationen und Verbünde. Der internationale Handel wäre dann nicht mehr durch einen allseitigen Exportwahn geprägt, der auf erbarmungslose Weise Gewinner und Verlierer erzeugt und so eher zu einem Weltwirtschaftskrieg tendiert, als das UNO-Ziel einer vernünftigen internationalen Arbeitsteilung im Sinne einer Win-Win-Situation zu fördern. Internationaler Wirtschaftswettbewerb könnte dann endlich zu einer Sport-Angelegenheit werden, anstatt ein ständiger unerbittlicher Übervorteilungs- und Überlebenskampf zu bleiben.
Es ist realitätsfremd, dass es irgendeiner Nation gelingen könnte, sich volkswirtschaftlich als reine Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft zu erhalten zu können. Die Produktion von materiellen Gütern und die Fähigkeit sich selbst zu versorgen, bleibt bis in alle Ewigkeit die Grundvoraussetzung allen globalen Handels. Postindustrielle Ökonomie ist daher kein Synonym für Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, wie es viele Definitionen seit 1970 glauben machen wollen. Postindustrielle Ökonomie bedeutet: Eine Produktionssystem, das auf Wissen und High-tech basiert und die Produktion - von was auch immer - nur noch als gegenseitige Dienstleistung halbwegs funktionieren kann.
So verstanden ist postindustrielle Ökonomie eine Chance für die Weiterentwicklung und Globalisierung der Sozialen Marktwirtschaft. Für die Wirtschaftspoltik beinhaltet dies sehr grosse Herausforderungen. Hier geht es darum, einen Paradigmenwechsel zu gestalten, der alles andere als leicht zu vollziehen ist.
Dieser Paradigmenwechsel wird erst dann möglich sein, wenn die Bürger selbst die bisherige Wirtschaftspolitik als nicht mehr ausrichtsreich empfinden. Erst dann finden Politiker den Mut, ihre wirtschaftspoltischen Konzepte wirklich zu verändern. Denn sie wollen ja gewählt werden.
Der enorm angewachsene Vertrauensverlust gegenüber der Politik zeigt, dass dieser Wendepunkt immer näher rückt.
Kontakt in Deutschland über: www.neuearbeit-neuekultur.de