Dr. Gerd-Dieter Schmid

Shareholder Value

 

Es wird behauptet, der Shareholder Value entsteht in den Unternehmen. Nämlich durch deren Performance, nachgewiesen durch den erwirtschafteten Gewinn.

In Wahrheit entsteht der Shareholder Value an Finanzbörsen, verursacht durch die Annahmen der Akteure (Anleger, Analysten, Medien) darüber, was andere Akteure an Zukunftserwartungen in die Unternehmen setzen.

In diesem Zusammenhang sind die erwirtschafteten Gewinne nur ein Indikator; entscheidend ist weniger ihre absolute Größe, als ihr ständiges Wachstum.

Wer also ausreichende Gewinne und damit Dividenden erwirtschaften kann, ist noch lange nicht auf der „sicheren Seite“. Vielmehr hat gerade der das Problem, ohnehin schon hohe fundamentale Werte (eben die guten Ergebnisse) laufend übertreffen zu müssen.

Das Rattenrennen geht eben nicht um gesunde Resultate, wie immer behauptet wird; es geht darum, die höchstmöglichen Resultate in laufend zunehmenden Schritten vorzulegen. Dabei ist „Growth“ sogar wichtiger als das, was real herauskommt. Deshalb die große Bedeutung von „Stories“, welche das Management auf den „Grillparties“ – den Hearings durch die Analysten – vortragen muß. Und übrigens auch die Ursache dafür, warum immer mehr große Selbst-Darsteller als „Top-Manager“ in den Medien auftreten!

Die auf den Punkt gebrachte Aussagen dieses Systems lautete in einem normalen Börsenjahr (1994) für den Konzern, dem meine Firma angehörte, so: „ . .  this does not reflect any disappointment with these results nor with the strategies being pursued by the company. Progress, however, remains sound rather than spectacular.  . . (we) recommend to SELL“.  Dies bei einem Profit auf den Umsatz von etwa 14% und auf den Börsenwert (market capitalization) von knapp 9% sowie bei einer Profitsteigerung um knapp 10% !!! Im Klartext heißt das: „es könnte noch viel besser gehen“ . . 

Und um das zu erreichen, setzten wir dann im Lauf der folgenden Jahre etwa ein Viertel unserer Belegschaft auf die Straße . . . .

Das total Absurde an diesem System wird aber erst klar, wenn man die im SPEKTRUM (Mai 2004) veröffentlichte Arbeit von Bernard Ruffieux  (Chef des ENSGI in Grenoble) unter dem Titel Märkte im Labor zur Kenntnis nimmt. Darin wird experimentell nachgewiesen, daß Finanzmärkte grundsätzlich nicht wie normale Märkte funktionieren.

Die entscheidende Aussage lautet: „ . . daher kann man die Effizienz eines Wertpapiermarktes nicht an der Wertschöpfung messen. Es gibt nämlich keine“

Letzten Endes bedeutet dies, daß unser gesamtes Finanz- und damit Wirtschaftssystem auf einer Basis von „Wertschöpfung“ (Shareholder Value) steht, die nur in der Phantasie ihrer Akteure existiert!

Mai 2004 - DS - Mail

 

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