Gemeinwesenarbeit
und Lokale Ökonomie
Gemeinwesenarbeit
und die Erhaltung der Lebensgrundlagen
Die Macht der reinen Marktinteressen enteignet die Menschen
weltweit ihrer materiellen und nichtmateriellen Lebensgrundlagen und gefährdet
die Voraussetzungen des Lebens zukünftiger Generationen. Die Förderung und Erhaltung
dieser Voraussetzungen ist eine vorrangige Aufgabe professioneller
Gemeinwesenarbeit.[1] Die zentralen Ziele der Gemeinwesenarbeit -
Einmischung in Ursachenzusammenhänge, Empowerment
und Förderung der Selbstorganisationskräfte der Menschen in den Gemeinwesen –
erhalten vor diesem Hintergrund eine neue, erweiterte Bedeutung. Sie sind nicht
auf den sozialen, kulturellen und politischen Bereich zu begrenzen, sondern
beziehen sich auf die Frage des Wirtschaftens als Voraussetzung und Kern
sozialen Zusammenlebens.
Der Anspruch professioneller Gemeinwesenarbeit, primär
ökonomische Probleme als solche zu begreifen und zu bearbeiten, ist nicht neu.
Gemeinwesenarbeit beschränkte sich weder in ihrer Geschichte noch in der
Gegenwart auf den außerökonomischen Bereich reaktiver und zumeist
individualisierender Bearbeitung sozialer und ökonomischer Probleme, sondern
sie suchte stets auch alternative sozialökonomische Lösungen mit primär
ökonomisch benachteiligten und ausgegrenzten Gruppen.[2]
Heute mehr als in der Vergangenheit erfordert eine
Grenzüberschreitung hin zu sozialökonomischen Lösungen für die
Gemeinwesenarbeit eine stärkere Positionierung der politischen, ökonomischen
und sozialen Belange der lokalen Bevölkerung gegenüber den Zumutungen der
reinen Marktinteressen. Diese Positionierung basiert auf der Verteidigung der
Teilhaberechte von Menschen und der Lebensgrundlagen der Gemeinwesen
einerseits, und der Herausbildung nachhaltiger ökonomischer, ökologischer und sozialer
Alternativen, andererseits. Sie ist nur dann möglich, wenn Gemeinwesenarbeit
sich innerhalb des intermediären Feldes stärker zivilgesellschaftlich verankert
und aus einer möglichst starken und relativ unabhängigen Position selbst die
Kooperation mit lokalen Akteuren gestaltend, erhaltend und entwickelnd in das
lokale Marktgeschehen eingreift und der Vermarktung der gemeinen ökonomischen
Grundlagen nachhaltige Alternativen entgegen setzt. Zentrales Anliegen ist die
Herausbildung gemeinwesenorientierten Wirtschaftens, welches dem „gemeinen
Eigenen“[3]
dient.
Die aktuelle internationale Entwicklung des Community
Development in Südeuropa, Asien, Kanada oder Südamerika[4]
integriert lokale Kooperativunternehmen zur Exisstenssicherung und
Bedarfsdeckung der lokalen Bevölkerung. Dies ist in Deutschland nicht so, auch
wenn Programme zur integrierten Problemlösung mit dem Zielsystem „Lokale
Ökonomie“ es zu suggerieren scheinen. Dennoch: Den Sonderweg außerhalb des
wirtschaftlichen Bereiches hat auch die professionelle Gemeinwesenarbeit in
Deutschland, wie Dieter Oelschlägel anmerkt, mit der Praxis der
Gemeinwesenökonomie bereits seit längerer Zeit überschritten und soziales
Wirtschaften in ihr Handeln integriert.[5]
Gemeinwesenarbeit
und Lokale Ökonomie in Deutschland – eine schwierige Beziehung
Aus der deutschen Perspektive gilt es folgende Aspekte zu
berücksichtigen um das schwierige Verhältnis zwischen Gemeinwesenarbeit und
Lokaler Ökonomie zu verstehen:
1. Gemeinwesenarbeit in Deutschland hat als Feld Sozialer Arbeit
einen etatistisch geprägten Sonderweg
eingeschlagen, der zudem in der korporatistischen Einbindung in traditionelle
Wohlfahrtsverbände ernst zu nehmende Selbstorganisation Betroffener eher
verhinderte. Das Modell der sozialen Marktwirtschaft verwies die Soziale Arbeit
als Anwendungsbereich staatlicher Sozialpolitik in die marktexternen
Lebenswelten. Die Zuständigkeit des Marktes für die Existenzsicherung und
Bedarfsdeckung der Bevölkerung und die des ihn flankierenden Sozialstaates wird
seit 20 Jahren schrittweise und derzeit in Form sozialen Kahlschlages
aufgekündigt. Die zerstörenden Kräfte der reinen Marktmacht prägen die
Lebenslagen der Menschen und der Gemeinwesen. Die soziale Absicherung der
Lebensrisiken wird zunehmend der Selbstsorge von Einzelnen und Familien
empfohlen und die Teilhabe am Arbeitsmarkt ist für einen wachsenden Teil der
Bevölkerung – auch der westlichen Industriestaaten – nicht mehr gewährleistet
bzw. nicht existenzsichernd. Die politische, soziale und kulturelle Integration
auf der Ebene der Gemeinwesen wird durch die Zerstörung und Veräußerung der
lokalen Möglichkeitsstrukturen in Frage gestellt.
2. Ein weiterer Aspekt darf zum Verständnis der besonderen
Situation der professionellen Gemeinwesenarbeit in Deutschland in ihrem Verhältnis
zur ökonomischen Selbstorganisation nicht unerwähnt bleiben. Kooperative
ökonomische Selbsthilfe in Produktivgenossenschaften wurde als Alternative zum
kapitalistischen Markt in Deutschland historisch verhindert. Dies hat im
internationalen Vergleich zu einer Sonderentwicklung des Genossenschaftswesens
geführt, welche den Sektor einer Sozialen- oder Solidarökonomie als eigenständigen, nicht primär
profit-orientierten Sektor nicht hat entstehen lassen. Die romanische Tradition
einer aktiven Förderung von lokalen (Selbsthilfe-) Genossenschaften als
zivilgesellschaftlich verortete Instrumente staatlicher Sozialpolitik ist in
Deutschland nur schwer vermittelbar.[6]
3. Die traditionellen Wohlfahrtsverbände sind bemüht, das
Monopol über den lukrativen, überwiegend staatsfinanzierten „Markt der
Verwertung der nicht Verwertbaren“ zu behalten, der sich unter dem
Subsidiaritätsprinzip in Deutschland herausgebildet hat. Die Selbstorganisation
im Sozialbereich und damit die Emanzipation der AdressatInnen, steht diesem
Interesse entgegen. Bis heute gibt es keine Voraussetzungen für kooperative
Selbsthilfe im Sozialbereich, z.B. in Form von Sozialgenossenschaften als
bürgerschaftlich getragene eigenständige Alternativen zu den Angeboten der
Wohlfahrtsverbände, wie dies im europäischen Sektor der Économie Sociale Praxis
ist.
4. Die
aktuellen Programme zur integrierten Problemlösung in den Gemeinwesen[7]
mit den Schwerpunkten Bürgerbeteiligung und Lokale Ökonomie sind aus
verschiedenen Gründen selten in der Lage, ernst zu nehmende Selbstorganisation
und ökonomische Selbsthilfe Benachteiligter zu initieren.[8]
Sie sind nicht nur als Chance für die eigenständige Entwicklung benachteiligter
Quartiere und ihrer BewohnerInnen zu deuten, auch wenn AkteurInnen vor Ort
partiell sinnvolle Projekte entwickeln konnten. Die verordneten
Aktivierungsstrategien, die sich des Methodenrepertoires der emanzipatorischen
Gemeinwesenarbeit bedienen, sind Instrumente des „aktivierenden Sozialstaates“,
der auf Kontrolle, Verwertung und Repression ökonomisch und sozial
Ausgegrenzter setzt, sozialstaatliche Rechte abbaut und die Zuteilung von
Mitteln zur Überlebenssicherung mit dem Zwang zur Gegenleistung verbindet.[9]
„Lokale Ökonomie“
fokussiert in den Programmen die soziale Einbindung der gewerblichen Wirtschaft
um Sozialkapital ökonomisch nutzbar zu machen. Aus der Perspektive der
Gemeinwesenarbeit ist dies m.E. bezogen auf lokal orientierte kleine und
mittlere Unternehmen keineswegs verwerflich, sondern unter den sich
verschärfenden globalen Bedingungen durchaus wichtig da es gilt, den lokalen
und regionalen Kontext für die spezifischen Wirtschaftskulturen kooperativ zu
gestalten. Ansätze hierzu habe ich an anderer Stelle dargestellt.[10]
Ausgeblendet,
weil jenseits der Logik der Programme, wird dagegen die Tatsache, dass die
historisch neuen Probleme Lösungen erfordern, die anderes und mehr beinhalten
als die Stabilisierung der vorhandenen erwerbswirtschaftlichen Strukturen. Die
globale Entwicklung erfordert die Herausbildung „lebensdienlichen
Wirtschaftens“[11] in den Gemeinwesen. Nicht nur
Existenzsicherung im Sinne der Sicherung der individuellen Existenzgrundlage
von Menschen, die im Zuge des technologischen und ökonomischen Wandels
„überflüssig“ werden, sondern Wirtschaften als soziales Handeln unter
Berücksichtigung der Erhaltung der ökologischen und sozialen Existenzgrundlagen
wird zum zentralen Thema der Gestaltung des Lebens und Zusammenlebens.[12] Soziales Wirtschaften ist ein
Kernbereich von Gemeinwesenarbeit in einer Zeit, in der mit der dauerhaften
ökonomischen Ausgrenzung wachsender Bevölkerungsgruppen auch deren Ausgrenzung
aus allen anderen gesellschaftlichen Bereichen erfolgt.
Die professionellen und
institutionellen Voraussetzungen ökonomischer Gemeinwesenarbeit sind in
Deutschland keineswegs gegeben und „große Würfe“ werden unter den sich
verschärfenden Bedingungen aus der Praxis Sozialer Arbeit die Seltenheit
bleiben, doch konsequente Schritte der Integration und Rückbettung des
Wirtschaftens in den sozialen Lebenszusammenhang sind möglich und notwendig.[13]
Ökonomische Selbstorganisation in
der Bürgergesellschaft
Die Anliegen nachhaltiger Entwicklung verbindet die
professionelle Gemeinwesenarbeit mit unterschiedlichen AkteurInnen, Bewegungen
und Institutionen in Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung sowie sozial
eingebundenem Markt. Die notwendige Unabhängigkeit und Tragfähigkeit erreichen
neue sozialökonomische Lösungen als „multi-stakeholder-Unternehmen“, die auf
lokalem Konsens unterschiedlicher Teilhaber basieren. Sie überschreiten
herkömmliche Grenzen und Zuständigkeiten, wurzeln in der Einbindung in die
Zivilgesellschaft und sind handlungsfähig durch eine relative Unabhängigkeit
als kooperative Marktakteure. Politik und Verwaltung ebenso wie lokaler Markt
sind als aktive Förderer von großer Bedeutung, ihre Rolle ist jedoch die eines
von mehreren gleichberechtigten Kooperationspartnern. Konsequent wäre die Frage
nach der institutionellen Anbindung und der Finanzierung der Gemeinwesenarbeit
in Form von „multi-stakeholder-Konstruktionen“ zu suchen.
Auch dies ist kein reines Wunschdenken. Ein Blick in die
sozialökonomische Praxis zeigt, dass professionelle und bürgerschaftliche
Kräfte aus konkreten Problemlagen durch Mandatsnahme und Grenzüberschreitungen
unkonventionelle Lösungswege vor Ort gesucht und gefunden haben und durch tägliche Pionierarbeit gleichzeitig
die politischen, sozialen und ökonomischen Grundlagen dieser Arbeit schaffen.
Ich sehe in diesen Ansätzen Konkretisierungen und Erweiterungen dessen, was als
„Bürgergesellschaft“ derzeit oft missbräuchlich mit der Bemäntelung durch den
Demokratiediskurs – gemeint ist Sozialabbau – bemüht wird.
Die demokratische Teilhabe und Selbstorganisation von BürgerInnen
in allen Lebensbereichen war und ist ein zentrales Anliegen der
Gemeinwesenarbeit. Bürgerinnen und Bürger haben nach diesem Verständnis
umfassende Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten in Staat, Gesellschaft und
Wirtschaft. In ihrer Rolle als WirtschaftsbürgerInnen sind sie zugleich
Wirtschaftssubjekte und moralische Personen, die ihre staatsbürgerschaftliche
Verantwortung im Wirtschaftskontext nicht abstreifen, sondern auch dort „an der
„Res publica“, der öffentlichen Sache des guten und gerechten Zusammenlebens in
einer wohlgeordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger, Anteil nehmen.“[14]
Dies impliziert die Option bürgerschaftlicher Selbstorganisation von Arbeit im
Gemeinwesen, wie sie in Formen freier Assoziationen in Geschichte und Gegenwart
praktiziert wurde und wird. Genossenschaftliche Assoziationsmuster eröffnen
Möglichkeiten bürgerschaftlicher Kooperation und Absicherung auf
Gegenseitigkeit sowie der Bewirtschaftung des „gemeinen Eigenen“.[15]
Wirtschaftsbürgerschaftliche
Verantwortungsübernahme kann auch heißen, als Promotorin Kompetenzen und
Ressourcen zugunsten sozialökonomischer Lösungen einzubringen.[16]
Vorbilder sind erneut Jane Addams und die Setlementbewegung[17]
zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bürgerinnen und Bürger stellten sich als
PromotorInnen auf die Seite der Armen, Ausgebeuteten und Verelendeten,
entwickelten mit ihnen Projekte, Einrichtungen und Unternehmen, wirkten auf die
Verbesserung der Arbeits- und Wohnverhältnisse, nahmen nachlässige und korrupte
Entscheidungsträger in die Pflicht und erreichten zahlreiche soziale Reformen.
Gemeinwesenarbeit hat hier ihre Wurzeln. Heute sind qualifizierte und materiell
versorgte, engagierte und kritische BürgerInnen und Bürger auf der Suche nach
sinnvollen Tätigkeitsfeldern und haben das Bedürfnis, gesellschaftliche
Innovationen mit zu tragen, die Ihren moralischen, politischen und fachlichen
Vorstellungen entsprechen. Nicht wenige von ihnen werden frühzeitig aus
anspruchsvollen Erwerbsarbeitskontexten „freigesetzt“ und ihr Humankapital
findet kein gesellschaftlich produktives Feld. Ein Brückenschlag zwischen
benachteiligten und eher privilegierten Gruppen ist auch deshalb sinnvoll, weil
die Benachteiligten Verbündete brauchen, wenn der sozialpolitische Ausgleich im
gesellschaftlichen Kontext zunehmend nicht mehr konsensfähig ist. Ein Beispiel:
Die Genossenschaft am Beutelweg mit
ihren Tochterunternehmen[18]
hat sich in einem Problemquartier in Trier in den vergangenen 11 Jahren zu
einem Unternehmensverbund entwickelt, der heute über mehr als 450 Wohneinheiten
und Gewerbebetriebe mit mehr als 70 Arbeitsplätzen - überwiegend in Handwerk
und Dienstleistung - verfügt.
NutzungseigentümerInnen sind die sozial und ökonomisch benachteiligten
BewohnerInnen des Stadtteils selbst. Dieser Unternehmensverbund steht auch
aufgrund seines Erfolges in einem höchst komplexen und gefährlichen
Konfliktfeld mit lokaler, regionaler und überregionaler Poltik, organisierter
Handwerkerschaft (obwohl selbst Mitglied der Kammer), Banken, örtlicher
Wohnungswirtschaft, traditionellen Wohlfahrtsverbänden, örtlicher
„Hofberichterstattung“ und vielen anderen dauerhaften oder situativen Gegnern
und Konkurrenten. Reussieren und vor allem Überleben in einem solchen
Gegenwind, heißt dass man warm angezogen sein muss. Das aber sind die sozial
benachteiligten StadtteilbewohnerInnen nicht. Es gibt viele Gründe dafür dass
es diese Genossenschaft und ihre Tochterunternehmen immer noch gibt. Der
bedeutendste Stabilisationsfaktor besteht jedoch in einem dichten Netz aus
PromotorInnen und bürgerschaftlich engagierten Frauen und Männern aus allen
gesellschaftlichen Schichten und Bereichen – aus Politik, Kirche, Wissenschaft,
Wirtschaft und Gesellschaft – die sich als Personen mit ihrer Arbeitskraft,
ihrem Kno-How, ihrer Zeit und ihren Verbindungen, Ideen und Kompetenzen wie ein
Schutzwall um das Projekt formiert haben und gemeinsam mit den BewohnerInnen
und NutznießerInnen das Interesse haben, ihr Unternehmen zu verteidigen und
stark zu machen.
Gemeinwesenökonomie – plurales Wirtschaften im Lebenszusammenhang
Sozialökonomisches
Agieren im Kontext der Gemeinwesenarbeit bezeichne ich als Gemeinwesenökonomie.[19]
Sie dient der Bedarfsdeckung, Existenzsicherung und gesellschaftlichen
Integration der örtlichen Bevölkerung und ist die sozialwirtschaftliche Basis des sozialen
Zusammenlebens. Sie hat rein
gar nichts gemein mit Zwangsmaßnahmen[20] gegen all die, die aus dem
Erwerbsarbeitsmarkt ausgeschlossen werden.[21]
Es geht vielmehr um ihre
ökonomischen Teilhaberechte und um die Sicherung, Nutzung und Schaffung dessen,
was Menschen zum Leben in einem Gemeinwesen brauchen. Dazu gehören ein Dach
über dem Kopf, genießbares Wasser, Grund und Boden, existenzsichernde Arbeit,
Bildungssysteme, angemessene Infrastruktur und vieles mehr, was durch die neoliberalen
Strategien der Privatisierung, Deregulierung und Flexibilisierung immer mehr
Menschen enteignet wird.
Gemeinwesenökonomie hat das soziale Ganze im Blick und
entzieht sich den Kriterien des
Marktfundamentalismus, der das ökonomische Geschehen ohne
Berücksichtigung der gesellschaftlichen Grundlagen allen Wirtschaftens, quasi
als autistisches System betrachtet. Das gemeinsame Interesse ebenso wie die
individuellen Bedürfnisse und Nöte von Menschen kommen, so der
„Superkapitalist“ George Soros,[22]
im reinen Marktmechanismus nicht vor.[23]
Als Solidarökonomie[24]
basiert Gemeinwesenökonomie auf Sozialem Kapital und erzeugt es gleichzeitig.[25]
Sie orientiert sich an dem, was Soros zufolge der Marktfundamentalismus ignoriert
und zerstört: Vertrauen, Gegenseitigkeitsbeziehungen und
Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwesen.[26]
Oskar Negt bezeichnet die „Ökonomie des Gemeinwesens“ als
Zweite Ökonomie, die im Kampf mit der Ersten, der Ökonomie der toten Arbeit und
der Kapitallogik steht. „Die Zweite Ökonomie greift den abgerissenen Faden des
klassischen ökonomischen Denkens wieder auf und rückt den Lebenszusammenhang
der Menschen, ihre konkrete Lebenswelt, ins Zentrum der Betrachtungen.“[27]
Eine solche Ökonomie ist kein reines Desiderat. Sie
existierte immer da, wo Menschen die Teilhabe am Arbeitsmarkt verwehrt wurde
oder wo eine solche Teilhabe nicht existenzsichernd war und ist. Sie lebt in
dualwirtschaftlichen, armutökonomischen oder alternativökonomischen Ansätzen und
entsteht in neuen pluralen Formen da, wo Menschen für den Arbeitsmarkt
überflüssig werden. Arbeit in der Gemeinwesenökonomie beruht auf einem
erweiterten Blick auf gesellschaftliche Tätigkeit, die Nachbarschaftshilfe,
Familienarbeit, Eigenarbeit, Tausch, Subsistenz, Kooperativarbeit,
Erwerbsarbeit und Formen bürgerschaftlichen Engagements umfasst.[28]
Sie bildet sich auch in Selbstorganisation derer heraus, die eigenständige,
nachhaltige Alternativen zur dominanten Ökonomie suchen, wie die jüngste
Gründungswelle von Produktivgenossenschaften insbesondere durch hoch
qualifizierte Kräfte in Deutschland zeigt.
Bezüglich ihrer Reichweite und Verbreitung in den westlichen
Industrieländern sind diese Ansätze verschwindend gering. Ihre Bedeutung jedoch
wächst. Oskar Negt weist die Richtung, in der „das Neue“ zu suchen ist; „Die
Alternativen zum bestehenden System (sind) nicht in dem abstrakt-radikal
Anderen zu suchen und zu finden (...), sondern auf der Unterseite der
bestehenden Verhältnisse, in ihren konkreten Prägungen und ihren einzelnen
Krisenherden. Die Potentiale des besseren Anderen bleiben gleichsam im
Schattenbereich und fügen sich nicht zu einer kollektiven Gegenmacht zusammen.“[29]
In diese Richtung jedoch bewegen sich derzeit die Netzwerke lokaler und regionaler
Initiativen, die im Weltsozialforum deutlich an Organisationsfähigkeit gewonnen
haben.[30]
Wissen und Können um kooperative ökonomische
Selbstorganisation, welche in anderen Weltregionen – in Transformations- und
Industrieländern, aber auch in Entwicklungsländern - generiert wurden sind als Lernkontexte der Gemeinwesenarbeit mit
dem Ziel der Herausbildung nachhaltigen lokalen Wirtschaftens von großer
Bedeutung. Ein Beispiel:
Bemerkenswert aus der Perspektive unserer eigenen
derzeitigen Krisensituation, ist der Umfang, die Reichweite, Vielfalt und
Qualität neuer gemeinwesenökonomischer Ansätze in Japan. Als ehemaliges
Mitglied der Triade der Globalisierungsgewinner – USA, Europa, Japan – ist es
früher als Europa in die Finanzkrise und insbesondere die Vertrauenskrise der
Bevölkerung geraten. Innerhalb zivilgesellschaftlicher Kontexte und aus
berufsständischer Organisation heraus hat sich ein reiches Spektrum aus lokalen
Komplementärwährungen, Tauschsystemen und genossenschaftlichen Unternehmen
gebildet.[31] Sie beruhen
auf Vertrauen in Gegenseitigkeit und Gemeinschaft und auf dem Misstrauen
gegenüber Markt, Staat und dem Wert des Geldes, dem durch die Bündelung von
Ressourcen und Kompetenzen und durch geldlosen Tausch nachhaltige Alternativen
in zivilgesellschaftlicher Verantwortung entgegen gesetzt werden. Die
Süddeutsche Zeitung beschreibt dieses japanische Phänomen als „Kapitalflucht
der sozialen Art“.[32]
Insbesondere im Bereich von Gesundheitsversorgung und Pflege wurden in Japan
genossenschaftliche Lösungen in den Gemeinwesen entwickelt, in denen Hilfen auf
Gegenseitigkeit, Selbsthilfe, geldloser Tausch und professionelle Hilfe
kombiniert werden.[33]
In den armen und unterentwickelt gehaltenen Regionen der
Welt sind traditionelle Formen, die
der Logik einer Ökonomie des Gemeinwesens nahe kommen, nach wie vor die
wichtigste Basis der Existenzsicherung. Als Reaktionen auf die Übergriffe der
transnationalen Konzerne entstehen auch dort neue Alternativen.
Die indischen Aktivistinnen Roy und Shiva oder der philippinische
Wortführer der Bürgerrechtsbewegung Perlas haben mit ihrer argumentativen
Kraft, ihrer globalen politischen Einbindung und ihrer konkreten lokalen Praxis
Vorbildfunktion. Auch bei der Suche nach den theoretischen Grundlagen
zukunftsfähiger Lösungen ist das Überschreiten der eigenen nationalen und
kulturellen Grenzen sinnvoll.[34]
Der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen oder der bengalische
Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus bieten wichtige theoretische
Grundlagen[35] für eine
lokale Ökonomie, die die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung zum Ziel
hat.
Ich plädiere hier keineswegs für die Schaffung lokaler
Armutsökonomien nach dem Vorbild unterentwickelt gehaltener Weltregionen,
sondern für eine aktive ökonomische Gestaltung lokaler und regionaler Räume als
erweiterte sozialpolitische Aufgabe.[36]
Im sozialpolitischen Verständnis geht es um die Ermöglichung freiwilliger
Assoziation von BürgerInnen nicht nur im politischen und sozialen, sondern auch
im ökonomischen Sektor.
Gemeinwesenökonomie
und das gemeine Eigene
Gemeinwesenökonomie setzt differenziertere
Eigentumsbegriffe voraus als die
alternativlose Fixierung auf veräußerbares Privateigentum, das sich auch die
letzten Reste des nutzbaren Gemein- und Staatseigentums einverleibt.
Gemeinwesenökonomie benötigt genossenschaftliche und eigenwirtschaftliche
Eigentumsformen[37] und erzeugt
in solidarökonomischen Formen der Gemeinwesenökonomie selbst zukunftsfähige und
emanzipatorische Formen gesellschaftlichen Eigentums.
Auch wenn sich in keiner modernen Verfassung Eigentumsrechte
als nackte Privatinteressen darstellen und mehr oder weniger in bestimmten
Artikeln an Gemeinwohl gebunden sind, die Widersprüche zwischen
Sollensvorschriften und gängiger Praxis sind in keinem anderen gesellschaftlichen
Bereich deutlicher.[38]
Wichtig ist, dass die Soziale Arbeit die zentralen Kategorien exklusives und
inklusives Eigentum in ihren Theorien berücksichtigt.[39]
Eigentum wurde historisch „auch als Recht definiert, vom Gebrauch oder Genuss
von bestimmten Dingen nicht ausgeschlossen
werden zu können.“[40]
Inclusives Eigentum, also öffentliches, genossenschaftliches oder
Gemeineigentum schließt nicht aus, sondern ist Voraussetzung der Teilhabe
aller, insbesondere der ökonomisch schwächeren Gesellschaftsmitglieder. Es
gewährt Zugang zu den zentralen Lebensvoraussetzungen die weltweit gnadenlos
vermarktet und in Privateigentum überführt werden (Wasserversorgung, Wohnraum,
Boden, Soziales, Gesundheit Infrastruktur etc.).
Gemeinwesenökonomie braucht nicht nur zugängliche materielle
Güter, sondern sie schafft nachhaltige Formen des persönlichen- und des
Gemeineigentums durch den produktiven Einsatz lokaler Potentiale und
Ressourcen, aber auch und insbesondere durch die Verhinderung dysfunktionaler
Mittelabflüsse durch alternativlose Privatisierung der Unternehmensgewinne.
Durch Reinvestition des erarbeiteten Gewinns im lokalen Verbund der Unternehmen
und Organisationen versucht die Gemeinwesenökonomie die materielle Basis des
Gemeinwesens zu stabilisieren und zu erweitern. In gleicher Weise können auch
staatliche Mittelzuweisungen produktiv und nachhaltig verwendet und
Mitnahmeeffekte verhindert werden.[41]
Eine weitere Möglichkeit lokaler Wertschöpfung und Werterhaltung besteht in
Formen des Tauschs. Darüber hinaus gilt es die Möglichkeiten der Entwicklung
von Systemen lokaler Komplementärwährungen als auch die der
Community-Credit-Unions zu berücksichtigen, die beide Wertschöpfungseffekte und
die gezielte Förderung lokaler Ökonomie ermöglichen.[42]
Durch die gemeinwesenökonomische Organisation können
traditionelle öffentliche und private Bereiche vor Ort sinnvoller, synergetisch
und bedürfnisadäquat gestaltet werden. Diese Vorstellung knüpft an Klaus Novy`s
Idee eines lokalen Basissektors an, der sich an den Bedürfnissen und
Potentialen der örtlichen Bevölkerung, dem produktiven Einsatz ihrer lebendigen
Arbeitskraft und der erhaltenden Nutzung der natürlichen Ressourcen orientiert.
Alle Aufgaben, die primär der Existenzsicherung und Bedarfsdeckung der Menschen
in den Gemeinwesen dienen, könnten in diesem Basissektor organisiert werden.
Klaus Novy[43] empfahl
1984 aus krisenpolitischen und ökologischen Gründen Lebensbereiche und
Teilsektoren den Kapital- und Wachstumszwängen zu entziehen und
bedarfswirtschaftlich in kooperativen Formen zu organisieren.
Wenn jedoch die Lebensgrundlagen der Gemeinwesen, das
„gemeine Eigene“ restlos vermarktet sind, bleiben auch keine Optionen für die
Lokale Ökonomie. Gerade zur alternativlosen Privatisierung wäre die lokale
Basisökonomie als Möglichkeit der Vergesellschaftung eine lebensdienliche
Alternative. Spätestens seit der Ausformulierung und Unterzeichnung des
Dienstleistungsabkommens GATS zur privatwirtschaftlichen Organisation aller
öffentlicher Dienstleistungen – von der Wasser- und Energieversorgung, über
Kindergärten, Schulen und Hochschulen bis zu allen sozialen und
gesundheitlichen Diensten – ein Regelwerk, dessen Tragweite bis heute weder
BürgerInnen noch ExpertInnen in den betreffenden Handlungsfeldern zur Kenntnis
genommen haben – ist eben diese Suche nach Alternativen in Form
„vergesellschafteter Privatisierung“ durch bürgerschaftliche Genossenschaften
und Fonds von großer Bedeutung.[44]
Der Gründungsboom lokaler Genossenschaften und Bürgerfonds insbesondere im
Sozial- und Gesundheits- Schul- und Pflegebereich vor allem in Finnland,
Italien und Japan, ist eine Antwort der lokalen Bevölkerung auf die
Privatisierung, Kommerzialisierung und Enteignung von öffentlichen
Einrichtungen und Leistungen.[45]
Zwei aktuelle deutsche Beispiele für die
gemeinwesenökonomische Übernahme öffentlicher Versorgungsleistungen als
Alternative zur Privatisierung:[46]
Der Gemeinderat wollte die Wasserversorgung des
370-Seelen-Dorfes Ellerhoop in Schleswig Hollstein vor acht Jahren verkaufen.
Nur 90 Haushalte sind an das Wasserversorgungssystem angeschlossen, die anderen
haben eigene Brunnen. Nach dem Verkauf wären alle Haushalte zwangsweise
angeschlossen worden und hätten dafür die Kosten in und außerhalb ihrer Häuser
zahlen müssen. Nach einem Bürgerentscheid und zähen Verhandlungen mit dem
Gemeinderat, erarbeiteten die BürgerInnen einen Geschäftsplan, gründeten eine
Genossenschaft, kauften die Wasserpumpe und haben sich damit ihre Versorgung zu
ihren Konditionen und zum Nutzen des Gemeinwesens gesichert.
Die Stadt Herten steht seit 1995, wie viele andere Städte,
aufgrund ihrer Schuldenlage unter Landesaufsicht. Mit dem Verkauf der
lukrativen Stadtwerke – 96% der BürgerInnen beziehen von ihnen Strom, Gas und
Wasser - an die kaufinteressierte Deutsche Bank, hätte sie eine Finanzlücke
kurzfristig schließen können – auf Kosten der BürgerInnen. Diese gründeten den
„Herten-Fonds“, der 10 Millionen Euro in Form von Bürgereinlagen sammelte und
die Stadtwerke kaufte. Das Bürgerunternehmen ist ökonomisch tragfähig und
erwirtschaftet Gewinne. Die Einlagen der BürgerInnen werden mit 5% verzinst und
die Gewinne werden genutzt, um städtische Einrichtungen zugunsten der
BürgerInnen zu erhalten, z.B. das Erlebnisbad.
Gemeinwesenökonomie
und Community-Empowerment
Bürgerschaftliche Unternehmen der Gemeinwesenökonomie
entstehen derzeit in den Industrieländern in Form von Fonds, geldlosem Tausch
und Kooperativen, die im Gemeinwesenverbund agieren.
Genossenschaften und genossenschaftliche Fonds sind geradezu
ideale der Organisationsformen der
Gemeinwesenökonomie.[47]
Sie sind in der internationalen Fachdiskussion und Praxis – wie erwähnt-
wichtiger Bestandteil des community-development.[48]
Als Antworten auf die krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen übernehmen
sie öffentliche und privatwirtschaftliche Aufgaben, um die Grundlagen des
Zusammenlebens im Gemeinwesen zu sichern. Diese alternativen Gründungen lassen
sich nach meiner Beobachtung derzeit in folgenden Bereichen feststellen:
1. Unternehmen der alternativen Arbeitsorganisation
gewerblicher Wirtschaft (Belegschaftsbetriebe), die das Ziel haben, die
Erwerbsarbeit vor Ort zu sichern.
2. Sozial-, Bildungs-, Kulur und
Gesundheitsgenossenschaften, die dem Abbau und den Qualitätseinbußen durch
Privatisierung in diesem Bereich entgegen wirken sollen. Die Gründungen
erfolgen sowohl durch Anbietende und NutzerInnen.
3. Kooperativen und Fonds, die die öffentliche Infrastruktur
und Versorgung (Energie, Wasser) durch die lokale Bevölkerung gegen
Kommerzialisierung sichern.
Die Eignung genossenschaftlicher Unternehmen hat leicht
nachvollziehbare Gründe. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die in Punkt
1 erwähnte lokale Selbstorganisation von Arbeit, auf Produktivgenossenschaften
also. In gleicher Weise könnten die Vorteile lokaler Konsum,- Wohnungs- und
Sozialgenossenschaften aufgezeigt werden.
Produktivgenossenschaften beziehen sich meist auf einen
lokalen, weltmarktunabhängigen Markt und agieren in arbeitsintensiven
Bereichen. Sie sind Akteure dezentraler Arbeitsorganisation und damit Gegenpole
technologischer Zentralisierung. Sie folgen anderen Rentabilitätsmaßstäben und
sind zudem gegenüber anderen Unternehmensformen stabiler. Keine andere
Unternehmensform verzeichnet weniger Zusammenbrüche als Genossenschaften, was
darauf zurück zu führen ist, dass die Last und die Risiken auf vielen Schultern
lasten und dass aufgrund des Identitätsprinzips ein mehr an (extrafunktionalem)
Engagement der Beteiligten eingebracht wird. Die Wahrscheinlichkeit, in einem
wirtschaftlichen Abschwung zu scheitern ist bei Kooperativen geringer, da die
Kosten der Rezession auf alle Köpfe im Unternehmen verteilt werden können.[49]
Ein Beispiel:
Die Krisenbewältigung der 80er Jahre durch die weltweit
größte Industriekooperative, den baskischen Mondragon-Verbund mit mehr als
53000 Mitgliedern, illustriert dies: Mitglieder, die nicht ausreichend
beschäftigt waren, wurden nicht entlassen, sondern auf andere Kooperativen im
Verbund verteilt. Die Arbeitszeiten wurden flexibilisiert und die
genossenschaftseigene Bank half mit günstigen Krediten über die
Liquiditätsengpässe. Die Wachstumsrate von Mondragon war ab Mitte der siebziger
Jahre viermal so hoch wie in der übrigen spanischen Wirtschaft. Mittlerweile
ist MCC das achtgrößte Unternehmen Spaniens. Im genossenschaftlichen
Unternehmensverbund finden die Mitglieder nicht nur eigenständige Möglichkeiten
der Existenzsicherung, sondern ein breites Spektrum an Waren und
Dienstleistungen zur sozialen und gesundheitlichen Absicherung und
Bedarfsdeckung. Zu den Kooperativen im Verbund gehören heute die Caja Laboral
mit 270 Filialen, die Pensions- und Krankenkasse Lagun-Aro, die Supermarktkette
Eroski, Produktionsstätten für Halbleiter, Autoteile und Werkzeugmaschinen oder
das Herzstück von Mondragon der Elektrogerätehersteller Fagor, der mit 4.300
Mitarbeitenden einen Umsatz von 700 Millionen Euro macht. Mondragon ist eines
der überzeugendsten Beispiele für ökonomisches und politisches Empowerment
einer ganzen Region.
Das Interesse von Genossenschaftsmitgliedern an regional
gebundenen Arbeitsplätzen ist langfristiger als das externer Investoren.
Genossenschaften und kooperative Verbünde können das ökonomische „Rückgrat“
einer Region im Umbruch bilden. Die Erhaltung, Bewirtschaftung und Zuteilung
von Ressourcen und die Verhinderung dysfunktionaler Ressourcenabflüsse zur
Stärkung der lokalen Basis sind wirksame Wege strukturellen Empowerments.[50]
Gerade der Ressourcenabfluss aus benachteiligten Gemeinwesen ist einer der
Hauptgründe für die Abwärtsspirale, die segregierte Armutsquartiere entstehen
lässt. Eine Unterbrechung und Umkehr hin zu „empowered communities“ erfordert
Ansätze der Schließung der Ressourcenkreisläufe.[51]
Mit Hilfe lokaler Genossenschaften, die in synergetischen Vernetzungen agieren
und die Ressourcenbasis des Gemeinwesens und seiner BewohnerInnen in Form
ökonomischer Kreisläufe (short
circuits) stabilisieren, kann dies gelingen. Ein erfolgreiches Beispiel für
diese Art genossenschaftlichen Agierens im Verbund ist die Wohnungsgenossenschaft
am Beutelweg.[52] Durch
Reinvestitionen im lokalen Verbund der Unternehmen und Organisationen kann die
materielle Basis des Gemeinwesens stabilisiert und erweitert werden.
Personales Empowerment ist Voraussetzung und Folge dieses
Handelns. Die Beteiligten erfahren, dass sie den wachsenden Abhängigkeiten von
einem anonymen und globalisierten Markt mit Communitiy-Empowerment, der
Stärkung der lokalen Fundamente des Zusammenlebens etwas entgegen halten
können. Dies ist der Kern der Bemühungen südindischer KleinbäuerInnen, die sich
gegen die Abhängigkeit von globalen Agrarkonzernen und die Enteignung ihrer
Lebensgrundlagen wehren ebenso wie von BewohnerInnen benachteiligter Quartiere
in westlichen Industrieländern, die unter den Folgen sozialökonomischer
Polarisierung und Spaltung leiden. Lokale Genossenschaften und kooperative
Kreditsysteme sind die wichtigsten Grundlagen dieser weitreichenden sozialen,
ökonomischen und politischen Empowermentstrategien auf lokaler Ebene, die in
ihren Netzwerken z.B. im Weltsozialforum oder der attac-Bewegung bis auf die
globale Ebene wirken.
Genossenschaften und lokale Tauschsysteme sind „empowering
organizations“ für personale und soziale Selbstveränderung. Als „empowered
organizations“ sind sie Resultate dieser Prozesse und gleichzeitig Akteure
strukturellen Empowerments auf der Ebene der Gemeinwesen. Dies fördert Schritte
zu „empowered communities“ – zu Transformationsprozessen mit dem Ziel der
Stärkung der Bürgergesellschaft, verbunden mit lokalökonomischen Alternativen
freier Assoziationen von Bürgerinnen und Bürgern. Sie bewirken letztendlich
eine Machtverschiebung zugunsten ziviler Selbstorganisation gegenüber den
dominanten Systemen Staat und Markt.
Ich spreche von Möglichkeiten. Es wäre fatal anzunehmen,
dass voraussetzungslos durch Genossenschaftsgründungen oder Tauschsysteme die
sozialen und ökonomischen Probleme der Dauerarbeitslosigkeit zu lösen seien. Zu
erwarten, dass Arbeit in überwiegend wenig lukrativen, arbeitsintensiven
Bereichen ohne gezielte Förderung durch diejenigen Menschen zu erschließen sei,
die über wenig oder kein materielles, wie verwertbares soziales, und allgemein
auch über kein unmittelbar verwertbares Bildungs- und Wissenskapital verfügen,
und zudem häufig geprägt sind von langjährigen Kontrollverlusten, ist mehr als
naiv. Mit gezielter Förderung jedoch und unter bestimmten Rahmungen können
gemeinwesenökonomische Lösungen ihre nachhaltigen Wirkungen auf personaler und
struktureller Ebene entfalten. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen habe ich
an anderen Stellen ausführlich beschrieben.[53]
Empowerment passiert nicht, wenn
Benachteiligten Rechte und Ressourcen entzogen werden, damit sie sich an den
eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen – woran sie der Sozialstaat angeblich
hindert. In der derzeitigen Diskussion um den „aktivierenden Staat“ scheint
jedoch gerade das gemeint zu sein.
Selbstorganisation ist kein sozial gleich verteiltes Gut.
Ein Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt in nahezu allen Gesellschaften,
dass die Besitzenden ihre Interessen am besten zu organisieren vermögen. „Die
Teilhabe an solidarischen Gemeinschaften ist keineswegs prinzipiell offen für
alle. Die Teilhabe an Selbstorganisation folgt den Spuren einer „stillen“
Selektivität, sie variiert entlang der Demarkationslinie sozialer Ungleichheit
(Bildung, Einkommen, Macht). Und so ergeben sich auch hier alte
Ungleichheitsrelationen: Im Gegensatz zu Angehörigen mittlerer und gehobener
sozialkultureller Milieus verfügt vor allem die „klassische“ Klientel
sozialstaatlicher Dienstleistungsagenturen, nämlich Personen mit geringem
Einkommen, niedriger allgemeiner und beruflicher Bildung und einer nur wenig
vernehmbaren öffentlichen Stimme, kaum über das (ökonomische, kulturelle und
soziale) Kapital, das nötig ist, um sich selbstbewusst schöpferisch in
Assoziationen ... einzumischen.“[54]
Gerade die Ressourcenrestriktionen der ökonomisch und sozialen Benachteiligung
wirken in der Weise, dass sie die kollektive Selbstorganisation als einzige
Möglichkeit zur Erweiterung der Macht- und Ressourcenlage, verhindern.[55]
Die Verfahren der Gemeinwesenarbeit, insbesondere des Community-Organizing und
des Community-Education wirken machtausgleichend und ressourcenbildend und
schaffen so die Voraussetzung für schrittweise Empowermenterfahrungen
Benachteiligter.
Die Ideen und Projekte ziviler Akteurinnen und Akteure und
die Wege zu ihrer Erreichung sind meist unkonventionell.[56]
Sie widersprechen den Vorstellungen etablierter Systeme in Verwaltung, Markt
und Politik. In einem etatistischen System, als das Deutschland bezeichnet
werden kann, stößt das Engagement von BürgerInnen außerhalb fremdbestimmter
ehrenamtlicher Einsätze im Sozialbereich keineswegs auf Entgegenkommen. Wie
verkrustete Strukturen in Wirtschaft, Wohlfahrtsverbänden, Politik und Verwaltung
Engagementbereitschaft entgegenstehen, weist Helmut Klages in seiner
lesenswerten Studie nach.[57]
Empowerment lässt sich mit einem Gesellschaftsspiel vergleichen. Neue
SpielerInnen verschaffen sich Zugang, spielen auf ihre Weise mit und verändern
die Regeln. Nicht nur die vorher vom Spiel Ausgeschlossenen, sondern alle
MitspielerInnen müssen sich verändern, neue AkteurInnen mit ihren Ideen und
Verfahren zulassen und sich in den Aushandlungsprozess um neue Regeln
einlassen.
Empowerment als Selbsthilfe und Selbstorganisation im
politischen, sozialen und ökonomischen Bereich tangiert die Systeme Staat,
Markt und Zivilgesellschaft und deren jeweilige Interessen und Zuständigkeiten.
Sie verändert auch den Intermediären Sektor („Dritten Sektor“) zwischen diesen
Systemen und erweitert seine Möglichkeiten. Die Entwicklungspotentiale des
„Ditten Sektors“ – dem in der internationalen Diskussion auch Genossenschaften
zugehören, mit seinen Nahtstellen zu Staat, Markt und Zivilgesellschaft und
seinem bürgerschaftlichen Potential beruhen auf der Nähe zur Lebenswelt, die
die Kontrolllogik des Staates und die Kapitallogik des Marktes durch Findigkeit
und soziales Kapital relativiert und lebensnahe Lösungen generiert.
Sollen Bürgerinnen und Bürger in Selbstorganisation soziale
und ökonomische Verantwortung übernehmen, müssen sie dies auch wirklich dürfen.[58]
Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Verbände müssen sie an
den Nahtstellen ihrer Handlungsfelder oder Kompetenzbereiche zulassen und sie
nicht, wie dies im Bereich ökonomischer Selbstorganisation Praxis ist,
verhindern und vernichten, oder wie im Bereich sozialer und politischer
Selbsthilfe und Selbstorganisation üblich, vereinnahmen und gängeln.
Es handelt sich bei sozialem, ökonomischem und politischem
Empowerment „um einen konflikthaften Prozeß der Umverteilung von politischer
Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen von Menschen aus einer Position
relativer Machtunterlegenheit austreten und sich ein Mehr an demokratischem
Partizipationsvermögen und politischer Entscheidungsmacht aneignen.“[59]
Es geht, wie Tilo Klöck sagt, um die Beeinflussung der strukturell ungleichen
Verteilung von Ressourcen, Macht und Einfußnahme zugunsten Benachteiligter.[60]
Verändert sich die Position von Machtunterlegenen, so ist dies nur möglich
durch die Abgabe von Macht der Überlegenen.
Saul Alinsky, Basisdemokrat und Vordenker der
Empowermentidee geht mit seinem Konzept des community-organizing, der
Selbstorganisation der Interessen Benachteiligter von der Perspektive sozialen
Wandels durch Konflikt und Machtumverteilung aus.[61]
Nach seiner Darlegung ist Konflikt das Feuer unter dem Kessel der Demokratie.
Der Prozess des Aufbaus von Organisationsfähigkeit Benachteiligter vollzieht
sich durch die Bündelung ihrer Kräfte. In Strategien der Auseinandersetzung mit
dominanten Gegnern um die Durchsetzung von Zielen die das eigene und gemeinsame
Leben betreffen, erfahren sie ihre abgestimmte, kollektive Handlungsfähigkeit
um daran Schritt für Schritt zu wachsen.
Gerade im Zusammenhang von ökonomischer Selbstorganisation
benachteiligter gesellschaftlicher Gruppierungen, sind die Konflikthaftigkeit
des Ansinnens und die Frage der materiellen und nichtmateriellen
Voraussetzungen sehr ernst zu nehmen.
Geht es um eigenständige Existenzsicherung von Arbeitslosen
und Armen, um Möglichkeiten genossenschaftlicher Wohnungsversorgung derer, die
im Markt keine Chancen haben, um selbstorganisierte Alternativen zu
traditionellen sozialen Diensten etc., tangieren die Konfliktlinien die
Machtzentren des korporatistischen Staates sowie die dominanten
Interessenorganisationen der Zivilgesellschaft und des Marktes. Die Widerstände
und Verhinderungsstrategien gegen Einzelinitiativen produktiver
Eigenständigkeit sind vielfältig – was alle wissen, die in diesem Feld agieren.
Wirksamer noch sind sie gegen die Versuche, politische Voraussetzungen für die
Zulassung und Förderung eines eigenständigen kooperativen Sektors zu schaffen.[62]
Mit der schrittweisen Wirkung struktureller Empowermentprozesse werden die
Konfliktlinien und -schauplätze komplexer. Gerade an den Widerständen können
die Akteure wachsen und die Empowermenteffekte verstärken sich dann. Doch an
diesen Widerständen scheitert auch die Selbstorganisation Benachteiligter
aufgrund der kumulierenden Wirkung sozialer, materieller und kultureller
Kapitalschwäche und des schwierigen Konfliktfeldes in dem sie sich im Gegenwind
behaupten muss.
Es gilt zu bedenken, dass soziale
und ökonomische Selbstorganisation Benachteiligter eine der Konsequenzen des
Endes der arbeitsteiligen sozialen Marktwirtschaft darstellt. Sie stellt einen
sehr weitgehenden Bruch mit der Organisation zentraler gesellschaftlicher
Bereiche dar und ist auch deshalb höchst konfliktiv. Selbstorganisation ersetzt
nicht die sozialstaatliche Absicherung von Lebensrisiken, doch ist ihre aktive
Förderung eine vorrangige gesellschaftliche Entwicklungsaufgabe um soziale
Integration und eigenständige Existenzsicherung von Menschen und die
Zukunftsfähigkeit der Gemeinwesen zu sichern.
- : -
Prof. Dr. Susanne Elsen
Szenarienarbeit
Soziale Arbeit und Lokale Ökonomie
Kontext GWA: Community Organizing (tragfähige Problemlösung
in einem belasteten Quartier)
Sie sind Mitarbeiter/in eines Gemeinschaftszentrums
in einem städtischen Quartier mit ca. 12.000 EW, welches seit mehreren Jahren als „Problemgebiet“ bezeichnet wird.
Die einheimische Bevölkerung hat,
sofern sie sich dies leisten konnte, dieses ehemals bürgerliche Wohngebiet
verlassen. Geblieben sind die Alten und die Armen, die sich einen Wegzug nicht
leisten können oder nicht mehr „verpflanzt“ werden wollen.
Jede 5. BewohnerIn lebt von
Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Sozialrente. Viele der berufstätigen
Menschen haben mehrere, meist prekäre Einkommensquellen und lassen sich als
Working-Poor bezeichnen. Trotz der dichten Bebauung und eines wenig
kindgerechten Wohnumfeldes, gibt es viele Kinder und Jugendliche. Seit mehreren
Jahren zieht es aufgrund der vergleichsweise günstigen Mieten Studierende,
kinderreiche MigratInnenfamilien, alleinerziehende Frauen und unkonventionelle
Singles oder Wohngemeinschaften in das Quartier.
Die Wohngebäude sind aufgrund
langjähriger Desinvestition und starker MieterInnenfluktuation in einem maroden
Zustand. Insbesondere die Eingangsbereiche, Innenhöfe und Treppenhäuser sind
unsauber, vergammelt und düster. Am Abend meiden insbesondere ältere Leute
diese halböffentlichen Räume obwohl es noch zu keinen Vorkommnissen gekommen
ist.
Treppenhäuser und Eingangsbereiche
sind tagsüber, insbesondere bei Regen, Spielplätze der Kinder und abends
Treffpunkte der Jugendlichen, was mitunter zu Auseinandersetzungen mit älteren
BewohnerInnen führt.
Das „seriöse“ einheimische Gewerbe
hat sich nach und nach verabschiedet.
Viele Läden stehen leer und finden keine Nachfrager.
Das Quartier hat seit ca. sieben
Jahren Gaststätten, die das Nachtleben der ansonsten eher nachtschlafenden
Stadt bereichern. Der noch verbleibenen traditionelle Einzelhandel äußerte sich vor ca. vier Jahren, daß die
eher lichtscheuen Geschäftsaktivitäten, die sich im Quartier ausbereiteten, für
sie geschäftsschädigend seien. Andererseits haben MigrantInnen Handel und
Märkte in den aufgegebenen Ladenlokalen eröffnet. In einer der Straßen
haben junge Leute aus dem Quartier, die seit vielen Jahren Flohmärkte
betreiben, drei spezialisierte Second-Hand-Läden mit Tonträgern, Elektrogeräten
und Holzmöbeln eröffnet. Zwei Second-Hands mit „schriller“ Kleidung sollen
demnächst folgen Diese Läden haben sich bei konsumschwachen und auch
konsumkritischen Gruppen zum Renner entwickelt.
Sieht man von den
Lärmbelästigungen durch das Nachtleben ab, so hat das Quartier durch seine
Lebendigkeit und Multikulturalität durchaus seinen Charme.
Eine Befragung durch
GemeinwesenarbeiterInnen des Quartierszentrums konnte ermitteln, daß die
meisten BewohnerInnen trotz der vielen Widrigkeiten, das Leben im Quartier aus
unterschiedlichen Gründen schätzen.
Genannt wurde das relativ tolerante Miteinander, ein überwiegend guter
Nachbarschaftsgeist und die bezahlbaren Mieten. Beklagt wurde insbesondere der
vernachlässigte Zustand der Häuser und
ihres Umfeldes, und der schlechte Ruf, der so wirklich nicht stimme. Einige
ältere Menschen äußerten sich, daß sich ja alles so schnell verändere und sie
gar niemanden mehr kennen. Dass es so viele Kinder gäbe, sei zwar manchmal sehr
störend, aber gerade die „Ausländerkinder“ seien ja eigentlich auch immer so
nett. Immer wieder wiesen insbesondere Alleinerziehende und Familien darauf
hin, daß sie wegen ihrer Kinder was Neues suchen müßten, obwohl es eigentlich
nicht so schlecht wäre, hier zu leben und die Kinder gar nicht wegwollen.
Die Vertreter der großen
Wohnungsgenossenschaften, die mehr als 50% des Häuserbestandes besitzen, wurden
von einzelnen MieterInnen, die seit langem im Quartier wohnen, bereits darauf angesprochen, das es „so
nicht weitergehe“. Dort macht man sich Sorge um die rasant fortschreitende
soziale Entmischung und den Zuzug von „Problemgruppen“ des Wohnungsmarktes.
Das Stadtplanungsamt, das
Sozialreferat und Vertreter der örtlichen Wohnungswirtschaft treffen sich seit
ca. zwei Jahren um sich auszutauschen über ihre Einschätzungen der städtischen
Entwicklungen insbesondere in den „Problemquartieren“.
Das Sozialreferat wurde nun
beauftragt, innerhalb eines Zeitraums von 2 Jahren (mit der Möglichkeit einer Verlängerung von einem Jahr) Prozesse
der sozialen Entwicklung und Problemlösung im betreffenden Quartier
einzuleiten.
Ziel ist es insbesondere, Ansätze
der sozialen und ökonomischen Selbsthilfe zu stärken und dazu beizutragen, die
hohen Sozialhilfekosten zu vermindern.
·
Welche
Potenziale sozialer und ökonomischer Selbsthilfe sind in diesem Wohngebiet
vorhanden?
·
Sind
Bedarfe ungedeckt, die sich basisökonomisch organisieren lassen?
·
Welche
Handlungsfelder bieten sich für die Entwicklung selbstorganisierter sozialer
und ökonomischer Selbsthilfe an?
·
Welche
Synergien sind vorstellbar ?
·
Wie würden
Sie vorgehen?
·
Womit
fangen Sie an?
·
Wen
beziehen Sie ein?
·
Was brauchen
Sie?
·
Welchen
Zeithorizont sehen Sie
· Was können Sie nicht leisten?
· Was wäre erforderlich, um eine nachhaltige Lösung in
Gang zu setzen?
Kontext GWA: Community-Development (Aufbau von Basisstrukturen)
Am Rande einer Großstadt hat die stadtnahe Wohnungsbaugesellschaft
eine neue Mietwohnanlage für insgesamt 2650 Personen errichtet. Sie soll
insbesondere für jüngere einkommensschwächere Familien und Familien mit
mittleren Einkommen bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen.
Das Angebot traf erwartungsgemäß auf große Resonanz bei
Familien mit zwei und mehr Kindern, die im Allgemeinen Schwierigkeiten haben,
bezahlbare Wohnungen mit ausreichendem Freiraum für ihre Kinder zu finden.
Nachdem alle Wohnungen im Dezember fertig gestellt und
bezogen worden sind, besteht das gesamte Umfeld noch aus Brache und Baustelle.
Nach Angaben der Wohnungsbaugesellschaft soll die Umfeldgestaltung im Frühjahr
in Angriff genommen werden.
Das neue Wohngebiet hat bisher keine Infrastruktur und ist
auch über den öffentlichen Personen-Nahverkehr noch nicht ausreichend
angebunden. Schulen, Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten befinden sich im
benachbarten Stadtteil, der zu Fuß in 15
Minuten erreicht werden kann.
Dem Sozialreferat ist zu Ohren gekommen, daß es in dem neuen
Wohngebiet rumort. Insbesondere die Eltern von Kleinkindern scheinen
unzufrieden zu sein und haben bereits erste erboste Briefe an die Stadt und die
Wohnungsgesellschaft geschrieben.
Das Sozialreferat sieht Handlungsbedarf und schreibt intern
befristet auf ein Jahr eine Stelle mit der Aufgabe des Aufbaus von
Basisstrukturen in dem neuen Wohngebiet aus.
Glückwunsch: Sie haben sich beworben und die Stelle
bekommen.
·
Welche
Potenziale sozialer und ökonomischer Selbsthilfe sind höchstwahrscheinlich in
diesem Wohngebiet vorhanden?
·
Sind
Bedarfe ungedekt, die sich basisökonomisch organisieren lassen?
·
Welche
Handlungsfelder bieten sich für die Entwicklung selbstorganisierter sozialer
und ökonomischer Selbsthilfe an?
·
Wie würden
Sie vorgehen?
·
Womit
fangen Sie an?
·
Wen
beziehen Sie ein?
·
Was
brauchen Sie?
Impressum:
Prof. Dr. Susanne Elsen, Fachhochschule München, Leitung des
Masterstudiengangs „Gemeinwesenentwicklung, Quartiersmanagement und Lokale
Ökonomie“, e-mail: susanne.elsen@t-online.de
[1]Vergl.u.a: Duchrow, Ulrich/Hinkelammert, Franz Josef: Leben ist mehr als Kapital. Oberursel 2002;
Ulrich, Peter/Maak, Thomas (Hrsg.): Die Wirtschaft in der Gesellschaft. Bern/Stuttgart/Wien 2000; Mander, Jerry/Goldsmith, Edward (Hrsg.): Schwarzbuch Globalisierung. München 2002
[2] Z.B. die Emmaus-Bewegung in der Arbeit mit Obdachlosen
[3] die für das Leben und Zusammenleben im Gemeinwesen erforderlichen Grundlagen, die dem Gemeinwohl dienen
[4] Campfens, Hubert: Community
Development around the World. Toronto/Buffalo/London 1999
[5] Oelschlägel, Dieter: Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit. In: Institut für soziale Arbeit e.V. (Hg.): Im Dickicht der Städte – Soziale Arbeit und Stadtentwicklung. Münster 2001 S. 23
[6] vergl.: Beiträge in: Flieger, Burghard: Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003 und Brandeins, 5. Jahrgang, Heft 7/September 03, S. 66
[7] Z.B. Soziale Stadt
[8] Elsen, Susanne: Lässt sich Gemeinwesenökonomie durch Genossenschaften aktivieren? In: Flieger, Burghard (Hrsg.): Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003. S. 57 f.
[9] Vergl.: Wacquant, Loic: Vom wohltätigen Staat zum strafenden Staat. In: Leviathan, 25. Jhrg.1997, S. 50 ff; Elsen, Susanne: Über den Zusammenhang globaler und lokaler Entwicklunge. In: Elsen, Susanne/Lange, Dietrich/Wallimann, Isidor (Hrsg.): Soziale Arbeit und Ökonomie. Neuwied 2000, S. 197 f.; Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas: Gouvernementalität der Gegenwart. Frankfurt am Main 2000; Dahme, H.-J./Otto, H.U/Trube, A./Wohlfahrt, N. (Hrsg.): Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat. Opladen 2003
[10] Elsen,Susanne: Über den Zusammenhang globaler und lokaler Entwicklungen, in: Elsen, Susanne/Lange, Dietrich/Wallimann, Isidor: Soziale Arbeit und Ökonomie, Neuwied 2000
[11] Ulrich, Peter/Maak, Thomas: Lebensdienliches Wirtschaften, in: Dieselben (Hrsg.) Die Wirtschaft in der Gesellschaft, Bern/Stuttgart/Wien 2000
[12]Elsen, Susanne/Lange, Dietrich/Wallimann, Isidor (Hrsg.): Soziale Arbeit und Ökonomie, Neuwied 2000
[13] Beispiele für solche Schritte habe ich dargestellt: Elsen, Susanne: Lässt sich Gemeinwesenökonomie durch Genossenschaften aktivieren? In: Flieger, Burghard (Hrsg.): Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003 S. 57 f.
[14] Ulrich, Peter: Der entzauberte Markt. Freiburg/Basel/Wien 2002 S. 102
[15] Pankoke, Eckart: Freie Assoziationen. In: Zimmer, Annette/Nährlich, Stefan (Hrsg.): Engagierte Bürgerschaft. Opladen 2000 S. 189
[16] Vergl.: Elsen, Susanne u.a.: Die Genossenschaft am Beutelweg. In: Elsen, Susanne/Ries, Heinz u.a. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten. Neuwied 2000 S. 269
[17] Addams, Jane: Zwanzig Jahre soziale Frauenarbeit in Chicago, München 1913
[18] die Autorin ist Mitbegründerin und langjährig bürgerschaftlich im Unternehmensverbund engagiert
[19] Vergl.; Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie, Neuwied 1998
[20] Z.B. die derzeitigen Versuche, Opfer von Arbeitslosigkeit und Sozialhilfeberechtigte als Schmarotzer darzustellen um damit weitere Deregulierungen die Einführung eines Niedriglohnbereiches und den weiteren Abbau von Sozialleistungen zu erwirken
[21] verg.: Rose, Nikolas: Tod des Sozialen? In: Bröckling, Ulrich u.a. (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000
[22] Soros, George: Die Krise des globalen Kapitalismus. Frankfurt am Main 2000, S. 256
[23] ebenda
[24] Im romanischen Raum spricht man deshalb von Économie Solidaire. Frankreich hat seit 1999 ein Staatssekretariat für diesen Sektor, dessen Eigenlogik in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen und außereuropäischen Ländern wenig bekannt und vielfach mißverstanden ist.
[25] Zur Bedeutung und Wirkung des Steuerungsmodus Solidarität, vergl.: Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt am Main 1985 S. 158
[26] “The Contribution of Social Capital
in the Social Economy to Local Economiy Development in Western Europe/CONSCISE“
www.conscise.mdx.ac.uk
[27] Negt, Oskar: Arbeit und Menschliche Würde, Göttingen 2001, S. 319
[28] Zu den Themen: Eigenarbeit und Entgrenzung der Arbeit: vergl.: Zahlreiche Publikationen von Mutz, Gerd
[29] Negt, Oskar: a.a.O.: S. 405
[30] vergl.: Ziegler, Jean: Die neuen Herrscher der Welt. München 2003, S. 221 ff.
[31] Lietaer, Bernard A.:Das Geld der Zukunft. München 2002, S. 324 f.
[32] Süddeutsche Zeitung vom 7.1. 2003
[33] Göler von Ravensburg, Nicole: Genossenschaften in der Erbringung Sozialer Dienste. In: Flieger, Burghard (Hrsg.): Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003 S. 82
[34] Seit mehreren Jahren bearbeite ich mit Studierenden Lösungen insbesondere in Argentinien, Südindien und Südafrika, stehe in intensivem Praxisaustausch, der unseren Studierenden offen steht und lade jedes Semester Kolleginnen und Kollegen aus vielen Regionen der Welt zur Veranstaltungsreihe „Community-work around the World“ ein.
[35] Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. München/Wien 2000 und Yunus, Muhammad: Grameen. Bergisch-Gladbach 1998
[36] Böhnisch, Lothar/Schröer, Wolfgang: Die soziale Bürgergesellschaft. Weinheim und München 2002
[37] Haug, Wolfgang Fritz: Eigentum. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch Berlin; Hamburg 1998
[38] verg.: Negt, Oskar: a.a.O. S. 388
[39] Ries, Heinz: a.a.O. S. 49
[40] Ries, Heinz: Wohnen, Arbeiten, Teilhaben als Basis einer lokalen Ökonomie. In: Sahle, Rita/Scurrell, Babette (Hrsg.): Lokale Ökonomie. Freiburg 2001 S. 48
[41] Bis zu seinem Ende im Jahr 2002 hat der „zweite Arbeitsmarkt“ in Deutschland diese Chance nicht genutzt (nicht nutzen dürfen!)
[42] verg.: Elsen, Susanne Gemeinwesenökonomie. Neuwied 1997 S. 248 f.
[43]Beywl, Wolfgang/Flieger, Burghard: Genossenschaften als moderne Arbeitsorganisation, Fernuniversität Hagen 1993
[44] Fritz, Thomas/Scherrer, Christoph: GATS: Zu wessen Diensten? Hamburg 2002
[45] Göler von Ravensburg, Nicole: Genossenschaften in der Erbringung Sozialer Dienste. In: Flieger, Burghard (Hrsg.): Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003
[46] Brand eins 5. Jahrgang Heft 07 September 2003 S. 66f
[47] Elsen, Susanne: Lässt sich Gemeinwesenökonomie durch Genossenschaften aktivieren? In: Flieger, Burghard (Hrsg.): Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003 S. 57 f.
[48] z.B. Campfens, Hubert: Community
Development Around the World. Toronto, Buffalo, London 1999
[49] Food Whyte, William/King
Whyte, Kathleen: Makin Mondragon: The Growth and Dynamics of the Worker
Cooperative Complex. New York 1988
[50] Vergl.: Kretzmann, John/McKnight,
John: Building Communities from the inside out. Chicago 1993
[51] Rubin, Herbert: There Aren´t going
to be any bakeries here..In: Social Problems. Vol 41, No 3 August 1994 S. 401f.
[52] Elsen, Susanne/Löns, Nikola/Ries, Heinz A./ Steinmetz, Bernd: Aus der Not geboren. In: Elsen, Susanne u.a. (Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten. Neuwied 2000 S. 261 f.
[53] Elsen, Susanne: Läßt sich Gemeinwesenökonomie durch Genossenschaften aktivieren? In: Flieger, Burghard: Sozialgenossenschaften. Neu-Ulm 2003 S. 57 f.
[54] Herriger, Norbert: a.a.O. S. 137
[55] Karsch, Thomas: Kollektives Handeln der Armen als Voraussetzung für Entwicklung. Frankfurt am Main 1997
[56]Boll, Joachim/Huß, Reinhard/Kiehle, Wolfgang: Mieter bestimmen mit, Darmstadt 1993
[57] Klages,
Helmut: Der Blockierte Mensch. Frankfurt/New
York 2002
[58] Verg.:
Klages, Helmut: Der blockierte Mensch. Frankfurt/New York 2002
[59] vergl.: Herriger, Norbert: a.a.O.
[60] Klöck, Tilo (Hrsg.): Solidarische Ökonomie und Empowerment. Neu Ulm 1998
[61] Alinsky wurde 1909 in einem üblen Slum von Chicago geboren. Seine Praxis der politischen Organisation der Artikulationsschwachen ist heute von höchster Aktualität. vergl.: Alinsky, Saul: Anleitung zum Mächtigsein. Bornheim 1983
[62] vergl: Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie. Neuwied 1998 und Sozialen Wandel gestalten. Neuwied 2000