Jürgen Schampel / 2001-2006

Bauwirtschaft in Westdeutschland

 

Wegen der besonderen Bedingungen in den neuen Bundesländern, werden sie hier nicht berücksichtigt. Ein weiterer Grund ist, dass die im Folgenden betrachteten Zusammenhänge ein eigener Entwicklungsstrang sind, der in Westdeutschland lange vor der Wiedervereinigung entstand: Gegen Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts explodierten die Preise für das Wohnen; die Baubranche wurde zum Spekulationsmarkt mit hohen Wertsteigerungsversprechen für Anleger.

Seitdem wird ein Großteil der Massenkaufkraft in Westdeutschland durch hohe Immobilienpreise und Wohnungsmieten absorbiert. Hierfür gibt es neben der Maximalrendite-Orientierung zwei weitere Hauptgründe:

1. Eindämmung des sozialen Wohnungsbaus

2. von den Gemeinden knapp gehaltenes Bauland

Bei kleineren Einkommen wird seither bis zu 50%, teils auch mehr, des monatlichen Einkommens für die Miete aufgebracht. Bei Sozialeinkommen muß Wohngeld zugezahlt werden.

Das geht nicht nur zu Lasten der persönlichen Lebensqualität der Betroffenen und erhöht die Sozialkosten der Gesellschaft, sondern hat weitreichende volkswirtschaftliche Folgen: Rund 50% der verfügbaren Massenkaufkraft werden von der Baubranche abgeschöpft. Alle übrigen Anbieter von Produkten und Dienstleistungen müssen sich mit der nach Abzug der Wohnkosten noch verfügbaren Restkaufkraft abfinden.

Besonders betroffen durch die hohe Kaufkraftabschöpfung sind Niedriglohnbereiche: Wenn Krankenschwestern und -pfleger, VerkäuferInnen und KassiererInnen, PolizistInnen usw. die Hälfte ihre Nettolohns (und mehr) für die Miete aufbringen müssen, dann schlägt jede noch so geringe Erhöhung von Steuern und Abgaben zwangläufig schwer zu Buche. Steigen zusätzlich andere laufende Kosten (z.B. Strom-, Heizungs-, Wasser- oder Fahrtkosten), bleibt für andere Ausgaben kaum etwas übrig.

Das ganze Ausmaß dieser Fehlentwicklung wird allerdings erst erkennbar, wenn man sich vor Augen hält, daß die Mehrzahl der Güter des täglichen Lebens durch Automation und Billigstimporte in den letzten zwanzig Jahren immer günstiger geworden sind (Fernseher, Lebensmittel, Haushaltgeräte u.v.m.). Ohne diese Erhöhung der sekundären Kaufkraft sähe die Kaufkraftsituation der Haushalte mit niedrigem Einkommen noch schlechter aus.

Ohne die hohen Immobilien- und Mietpreise hätten wir uns aufgrund der Verbesserung der sekundären Kaufkraft einen Übergang zur 33-Stunden-Woche leisten können und zwar ohne Wohlstandsverzicht, Wettbewerbs- bzw. Standortnachteile: Die Bevölkerung wäre mit geringerem Löhnen für weniger Wochenarbeitszeit sehr gut über die Runden gekommen.

Es wäre auch besser gewesen, die sekundäre Kaufkraft über den Weg einer Bildungsförderungssteuer maßvoll zu belasten (z.B. durch moderate Erhöhung der Mehrwertsteuer). Dann hätten wir heute ein größeres Angebot an qualifizierten Arbeitskräften.

Auch die prozentuale Steigerung von Kranken- und Rentenversicherungsbeiträgen wären gut verkraftbar; im Rahmen eines ausgewogenen Generationenvertrages wären Erhöhungen bei rückläufiger Bevölkerungszahl auch jedermann begreiflich zu machen, zumal wenn die Zukunftsvorsorge der Jüngeren damit ebenfalls gesichert wird.

Die Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus setzte einkommensschwache Bürger den Rendite-Interessen der Bau- und Baufinanzwirtschaft aus. Damit sich Erwerbstätige und Rentner, die sich aus eigenem Einkommen wegen zu hoher Mieten gar kein Dach über dem Kopf mehr leisten könnten, nicht unter Brücken leben müssen, zahlt der Staat ihnen Wohngeld. Er subventioniert damit indirekt ein zu teures, den Binnenmarkt strangulierendes Mietniveau, letztlich also die Renditen der Bauwirtschaft und ihrer Shareholder (u.a. Banken, Versicherungen, Privatpersonen). Aufgrund einer verkehrten Marktphilosophie werden so Millionen Euro zur Stabilisierung von Mietgewinnen ausgeschüttet, anstatt diese Steuergelder in kostendeckende Projekte eines gemeinnützigen, die gesamte Binnenwirtschaft fördernden gemeinnützigen Wohnungsbaus anzulegen.

Das Ziel von Wirtschaftspolitik muss ein intakter, dynamischer Binnenmarkt sein. Wenn es der Bauwirtschaft nicht gelingt (oder sie es nicht will), dass die Angebotspreise - wie in den meisten anderen Branchen - zugunsten der Verbraucher eher fallen anstatt gleich bleiben, sondern diese sogar steigen, dann liegt ein Marktversagen vor. Dass Wohnraum wegen Knappheit so teuer geworden ist, kann nicht wahr sein: Denn bis auf eine verschwindend kleine Zahl von Menschen, die das Leben im Freien einem sozialen Wohnheim vorziehen, leben ja alle Bürger in Deutschland in einer Wohnung oder einem Haus.

Bei Marktversagen ist es Aufgabe der Wirtschaftspolitik regulierend einzugreifen - entweder um das Ziel selbst anders zu erreichen (Kostendeckung statt Maximalrendite-Orientierung) oder um durch Konkurrenz Impulse für eine Senkung des Preisniveaus zu erreichen. Ein attraktiver, kostengünstiger gemeinnütziger Wohnungsbau kann solche Impulse setzen.

In Westdeutschland hatte man sich für das Gegenteil entschlossen: Da Wohngeld für eigentlich unbezahlbare Wohnungen ausgeschüttet wird, hat es für die Bauwirtschaft überhaupt keinen mehr Anreiz gegeben, durch Innovationen das Bauen und Wohnen immer preisgünstiger zu machen! Stattdessen versuchte die Baubranche das Preisniveau weit oben zu halten und durch Einsatz billiger ausländischer Arbeitskräfte Kosten einzusparen.

Die Preisentwicklung bei Immobilien und Wohnungsmieten ist der Hauptgrund für hohe Löhne und Gehälter im Bereich der unteren bis mittleren Einkommen, die Steuern und Abgaben haben an und für sich nur eine geringfügige Kaufkraft mindernde Wirkung der Bürger. Erst als zusätzliche Belastung zu den hohen Wohnkosten werden sie als erdrückend empfunden.

Bürger mit kleinen Einkommen erleben die Bauwirtschaft, Energie- und Wasserversorger wie ein Kartell, dem sie hilflos ausgeliefert sind. Bei den Versorgern für Kleidung, Möbel, Lebensmittel, Haushaltgeräten und den anderen Dingen des täglichen Gebrauchs werden sie mit fallenden Preisen umworben, dürfen sich als echte Kunden fühlen. Vor allem die grossen Handelsketten und Internetanbieter helfen ihnen, finanziell über die Runden zu kommen. Und müssen es tun, weil die Baubranche bereits zum Teil mehr als die Hälfte der Kundenkaufkraft abgeschöpft hat.

Die Summe der kleinen bis mittleren Einkommen bildet die sogenannte "Massenkaufkraft" und bestimmt damit, was im Binnenmarkt geht oder nicht geht. Höhere Einkommen sind dagegen nicht maßgeblich für den breiten Sockel des Binnenmarktes. Auch die Masse der Handwerker ernährt sich nicht durch Aufträge der oberen Einkommensschicht, sondern von der Masse der Haushalte.

Aber die Wirtschaftspolitik bevorzugt es weiterhin, sich über die nebensächlichen Kostenfaktoren zu zerstreiten (ein paar Prozent Steuern und Abgaben rauf oder runter, je nach Belang und Möglichkeit), anstatt den Hauptkostenanteil der meisten Haushalte in das Zentrum des wirtschaftspolitischen Diskurses zu stellen: die Wohnkosten.

Ein Blick in die "Struktur" der Haushaltskassen der Bürger ist oft lehrreicher als aufwendige makroökonomische Statistik.

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