Prof. Dr. Susanne Elsen
Genossenschaftstagung 2003, Leipzig
Empowermentprozesse
und genossenschaftliches Handeln
„Macht
entspringt der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln
oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen
und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“
Hannah
Arendt: Macht und Gewalt 1985
Empowerment –
Schritte aus der Machtlosigkeit
Empowerment
wird mit dem Begriff „Selbstbemächtigung“ übersetzt und meint
die Stärkung von Autonomie und Selbstbestimmung. Beschrieben
wird ein Entwicklungsprozess, in dem Menschen die Kraft gewinnen,
die sie benötigen, um ein nach eigenem Drehbuch definiertes
„besseres Leben“ führen zu können.
|
|
Ausgangspunkt dieses Prozesses ist
das Erleben von Machtlosigkeit und Fremdbestimmung.
Die Wirkung der wiederholten
Erfahrung des Ausgeliefert-Seins wird als „erlernte
Hilflosigkeit“ bezeichnet. Sie wird zur
Haltung von Menschen, die immer wieder erleben müssen,
dass alle ihre Anstrengungen, belastende Ereignisse
zu beeinflussen, fehlschlagen. Die destruktiven Wirkungen
z.B. von Dauerarbeitslosigkeit als tief greifendem Kontrollverlust
im Zeitverlauf wurden eindrucksvoll von Marie Jahoda
und Paul Lazarsfeld dokumentiert.
|
| |
|
|
|
Individuelles und gemeinsames
produktives Agieren ist gleichzeitig Voraussetzung und
Resultat des Prozesses, der schrittweisen Wiederaneignung
von Kontrolle und Gestaltungsoptionen der eigenen und
gemeinsamen Lebenszusammenhänge.
|
| |
|
|
|
Die damit verbundenen Kontrollerfahrungen
beruhen auf personalen
Selbstveränderungen von Einzelnen und Gruppen
durch Erfahrungen von Handlungsfähigkeit und verstärken
diese gleichzeitig. Menschen, die keinen ausreichenden
Zugang zu Ressourcen haben, mischen sich in Selbstorganisation
in politische, ökonomische und soziale Zusammenhänge
ein und initiieren dadurch ein kollektives Projekt mit
dem Ziel der Umverteilung und Korrektur sozialer Ungleichheiten.
|
Diese Formen der Einmischung und Aneignung wirken über die
individuelle und die Gruppenebene hinaus und initiieren sozialen
Wandel im Sinne veränderter Machtkonstellationen im Gemeinwesen,
tangieren Verhalten und Einstellung der Beteiligten und die
gesellschaftlichen Strukturen, welche die Chancen und Benachteiligungen
bedingen.
Beredtes Beispiel für Empowerment und sozialen Wandel und gleichzeitig
Vorbild für die Rahmung des Prozesses ist das Settlement Hull-House,
das Zentrum kritischen bürgerschaftlichen Engagements im Chicago
des 19. Jahrhunderts, welches ausgehend von einem problemüberladenen
Quartier lokal, national und international Reformen in Wirtschaft,
Politik, Gesellschaft, Gesetzgebung, Wissenschaft und Infrastruktur
realisierte, zu denen selbstverständlich auch lokale Genossenschaften
gehörten. Die erste Unternehmensgründung von Hull-House war
eine Wohnungsgenossenschaft für Arbeiterinnen, die aus der
Sicherheit eines Dachs über dem Kopf auch an Streiks für bessere
Arbeitsbedingungen teilnehmen konnten.
Die Wirksamkeit
von Empowerment als Aneignung und Organisation von Gestaltungsmacht
„von unten“ wird aktuell dokumentiert durch die weltweite
zivilgesellschaftliche Bewegung gegen die neoliberale
Globalisierung. Diese Bewegung besteht aus einem weltweiten
Netzwerk lokaler „one-issue-initiatives“, die mit einem konkreten
Anliegen, welches sie unmittelbar tangiert – die Interessen
der Landlosen, der Kleinbauern oder der indigenen Völker –
über definierbare Schritte des Empowerments in der globalen
Zivilgesellschaft politikfähig werden. Die zivile Gegenmacht
gegen die Entmachtung durch die transnationalen Konzerne verdeutlicht
auch die Konfliktdynamik, die mit Empowermentprozessen einhergeht.
Die strukturellen Bedingungen und Folgen von Empowerment, die
konfliktiven Veränderungen gesellschaftlicher Machtkonstellationen, werden in der psychosozialen Empowermentdiskussion
nur wenig berücksichtigt. Empowerment ist keine „Methode“.
Es ist nicht zu trennen von realer Teilhabe an den zentralen
sozialen, ökonomischen und politischen Ressourcen und Optionen
einer Gesellschaft. Als Vertreterin der Gemeinwesenarbeit
gilt mein besonderes Interesse benachteiligten Gruppen und
Gemeinwesen. Die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ist
ohne strukturelle Veränderungen nicht denkbar.
Genossenschaften
und Community-Empowerment
Genossenschaften sind geradezu ideale Organisationen für die
Einleitung und Ausweitung personaler, sozialer und struktureller
Empowermentprozesse. Die Bündelung von Kräften und Ressourcen
ermöglicht den Beteiligten soziale, ökonomische und politische
Teilhabe und die individuelle und gemeinschaftliche Erfahrung
von Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig schafft genossenschaftliches
Agieren die materiellen Voraussetzungen des Prozesses und
seiner Weiterentwicklung.
Vernetztes
genossenschaftliches Agieren im lokalen Raum nutzt die lokalen
„Standortvorteile“ Kooperation und soziales Kapital sowie
die Möglichkeit, Synergien durch Bündnisse, Kombinationen
und Lobbystrukturen zu erzeugen. Als „Multi-Stakeholder-Unternehmen“
sind Genossenschaften eingebunden in die Pluralität lokaler
AkteurInnen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Die
Potentiale bürgerschaftlichen Engagements können so produktiv
für das lokale Gemeinwesen und dessen Stärkung gegen die Unwägbarkeiten
globaler Entgrenzungen genutzt und gefördert werden.
Lokale Genossenschaften sind im Gegensatz zur etatistischen
deutschen Tradition der Gemeinwesenarbeit in der internationalen
Fachdiskussion und Praxis zentrale Bestandteile des community-development. Dies hat leicht
nachvollziehbare Gründe: Produktivgenossenschaften beziehen
sich meist auf einen lokalen oder regionalen Markt und agieren
in arbeitsintensiven Bereichen. Sie sind Akteure dezentraler
Arbeitsorganisation und damit Gegenpole technologischer Zentralisierung.
Sie folgen anderen Rentabilitätsmaßstäben (z.B. Belegschaftsbetriebe)
und sind zudem gegenüber anderen Unternehmensformen stabiler.
Keine andere Unternehmensform verzeichnet weniger Zusammenbrüche
als Genossenschaften, was darauf zurück zu führen ist, dass
die Last und die Risiken auf vielen Schultern lasten und dass
aufgrund des Identitätsprinzips ein mehr an (extrafunktionalem)
Engagement der Beteiligten eingebracht wird.
Die Wahrscheinlichkeit, in einem wirtschaftlichen Abschwung
zu scheitern ist bei Kooperativen geringer, da die Kosten
der Rezession auf alle Köpfe im Unternehmen verteilt werden
können. Die Krisenbewältigung
der 80er Jahre durch die weltweit größte Industriekooperative,
den baskischen Mondragon-Verbund mit mehr als 53000 Mitgliedern,
illustriert dies: Mitglieder, die nicht ausreichend beschäftigt
waren, wurden nicht entlassen, sondern auf andere Kooperativen
im Verbund verteilt. Die Arbeitszeiten wurden flexibilisiert
und die genossenschaftseigene Bank half mit günstigen Krediten
über die Liquiditätsengpässe. Die Wachstumsrate von Mondragon
war ab Mitte der siebziger Jahre viermal so hoch wie in der
übrigen spanischen Wirtschaft. Mittlerweile ist MCC das achtgrößte
Unternehmen Spaniens. Im genossenschaftlichen Unternehmensverbund
finden die Mitglieder nicht nur eigenständige Möglichkeiten
der Existenzsicherung, sondern ein breites Spektrum an Waren
und Dienstleistungen zur sozialen und gesundheitlichen Absicherung
und der Bedarfsdeckung. Zu den Kooperativen im Verbund gehören
heute die Caja Laboral mit 270 Filialen und der Pensions-
und Krankenkasse Lagun-Aro, die Supermarktkette Eroski, Produktionsstätten
für Halbleiter, Autoteile und Werkzeugmaschinen oder das Herzstück
von Mondragon der Elektrogerätehersteller Fagor, der mit 4.300
Mitarbeitenden einen Umsatz von 700 Millionen Euro macht.
Mondragon ist sicherlich eines der überzeugendsten Beispiele
für ökonomisches und politisches Empowerment einer ganzen
Region.
Das Interesse von Genossenschaftsmitgliedern an regional gebundenen
Arbeitsplätzen ist langfristiger als das externer Investoren.
Genossenschaften und kooperative Verbünde können das ökonomische
„Rückgrat“ einer Region im Umbruch bilden. Die Erhaltung,
Bewirtschaftung und Zuteilung von Ressourcen und die Verhinderung
dysfunktionaler Ressourcenabflüsse zur Stärkung der lokalen
Basis sind wirksame Wege strukturellen Empowerments.
Gerade der Ressourcenabfluss aus benachteiligten Gemeinwesen
ist einer der Hauptgründe für die Abwärtsspirale, die segregierte
Armutsquartiere entstehen lässt. Eine Unterbrechung und Umkehr
hin zu „empowered communities“ erfordert Ansätze der Schließung
der Ressourcenkreisläufe. Mit Hilfe lokaler
Genossenschaften, die in synergetischen Vernetzungen agieren
und die Ressourcenbasis des Gemeinwesens und seiner BewohnerInnen
in Form ökonomischer Kreisläufe
(short circuits) stabilisieren, kann dies gelingen. Durch Reinvestitionen
im lokalen Verbund der Unternehmen und Organisationen kann
die materielle Basis des Gemeinwesens stabilisiert und erweitert
werden.
Ein zentraler Aspekt darf hierbei nicht vernachlässigt werden:
Genossenschaftliche und eigenwirtschaftliche Eigentumsformen erhalten, nutzen und erzeugen in solidarökonomischen
Formen zukunftsfähiges und emanzipatorisches gesellschaftliches
Eigentum, welches nicht
ausschließt, sondern Voraussetzung der Teilhabe aller, insbesondere
der ökonomisch schwächeren Gesellschaftsmitglieder ist. Es
gewährt den Zugang zu den zentralen Lebensvoraussetzungen
die derzeit weltweit gnadenlos vermarktet, in Privateigentum
überführt, und damit in zunehmendem Maße vielen Menschen enteignet
werden (Wasserversorgung, Wohnraum, Boden, Soziales, Gesundheit
Infrastruktur etc.-).
Zurück zum personalen Empowerment: Die Beteiligten erfahren,
dass sie den wachsenden Abhängigkeiten von einem anonymen
und globalisierten Markt mit Communitiy-Empowerment, der Stärkung
der lokalen Fundamente des Zusammenlebens etwas entgegen halten
können. Dies ist der Kern der Bemühungen südindischer KleinbäuerInnen,
die sich gegen die Abhängigkeit von globalen Agrarkonzernen
und die Enteignung ihrer Lebensgrundlagen wehren ebenso wie
die von BewohnerInnen benachteiligter Quartiere in westlichen
Industrieländern, die unter den Folgen sozialökonomischer
Polarisierung und Spaltung leiden. Lokale Genossenschaften
und kooperative Kreditsysteme sind die wichtigsten Grundlagen
dieser weitreichenden sozialen, ökonomischen und politischen
Empowermentstrategien auf lokaler Ebene, die in ihren Netzwerken
z.B. im Weltsozialforum oder der attac-Bewegung bis auf die
globale Ebene wirken.
Genossenschaften sind also „empowering organizations“ für personale
und soziale Selbstveränderung. Als „empowered organizations“
sind sie Resultate dieser Prozesse und gleichzeitig Akteure
strukturellen Empowerments auf der Ebene der Gemeinwesen.
Dies fördert Schritte
zu „empowered communities“ - Transformationsprozesse hin zur
Stärkung der Bürgergesellschaft, verbunden mit lokalökonomischen
Alternativen freier Assoziationen von Bürgerinnen und Bürgern.
Sie bewirken letztendlich eine Machtverschiebung zugunsten
ziviler Selbstorganisation gegenüber den dominanten Systemen
Staat und Markt.
Ich spreche von Möglichkeiten. Es wäre fatal anzunehmen, dass
voraussetzungslos durch Genossenschaftsgründungen z.B. die
sozialen und ökonomischen Probleme der Dauerarbeitslosigkeit
zu lösen seien. Zu erwarten, dass Arbeit in überwiegend wenig
lukrativen, arbeitsintensiven Bereichen ohne gezielte Förderung
durch diejenigen Menschen zu erschließen sei, die über wenig
oder kein materielles, wie verwertbares soziales, und allgemein
auch über kein unmittelbar verwertbares Bildungs- und Wissenskapital
verfügen, und zudem häufig geprägt sind von langjährigen Kontrollverlusten,
ist mehr als naiv. Mit gezielter Förderung jedoch und unter
bestimmten Rahmenbedingungen können genossenschaftliche Lösungen
ihre nachhaltigen Wirkungen auf personaler und struktureller
Ebene entfalten. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen habe
ich an anderen Stellen beschrieben.
Empowerment – soviel ist klar - passiert nicht, wenn Benachteiligten Rechte und Ressourcen entzogen
werden, damit sie sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf
ziehen – woran sie der Sozialstaat angeblich hindert. In der
derzeitigen Diskussion um den „aktivierenden Staat“ scheint
jedoch gerade das gemeint zu sein.
Es bedarf - wenn Empowerment
ernst gemeint ist, der Öffnung der etablierten gesellschaftlichen
Systeme für eine grundlegende Demokratisierung und der aktiven
Förderung von Selbstorganisation in Form struktureller und
materieller Rahmung.
Diese Voraussetzungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits
auf strukturellen Empowermentprozessen beruhen, da sie in
einem konfliktträchtigen sozialen, politischen und ökonomischen
Kräftefeld verortet sind, die Veränderungen gesellschaftlicher
Machtstrukturen erfordern.
Die Karten
werden neu gemischt
Selbstorganisation ist kein sozial gleich verteiltes Gut. Ein
Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt in nahezu allen Gesellschaften,
dass die Besitzenden ihre Interessen am besten zu organisieren
vermögen. „Die Teilhabe an solidarischen Gemeinschaften ist
keineswegs prinzipiell offen für alle. Die Teilhabe an Selbstorganisation
folgt den Spuren einer „stillen“ Selektivität, sie variiert
entlang der Demarkationslinie sozialer Ungleichheit (Bildung,
Einkommen, Macht). Und so ergeben sich auch hier alte Ungleichheitsrelationen:
Im Gegensatz zu Angehörigen mittlerer und gehobener sozialkultureller
Milieus verfügt vor allem die „klassische“ Klientel sozialstaatlicher
Dienstleistungsagenturen, nämlich Personen mit geringem Einkommen,
niedriger allgemeiner und beruflicher Bildung und einer nur
wenig vernehmbaren öffentlichen Stimme, kaum über das (ökonomische,
kulturelle und soziale) Kapital, das nötig ist, um sich selbstbewusst
schöpferisch in Assoziationen ... einzumischen.“ Gerade die Ressourcenrestriktionen
der ökonomischen und sozialen Benachteiligung wirken in der
Weise, dass sie die kollektive Selbstorganisation der Benachteiligten,
als einzige Möglichkeit zur Erweiterung der Macht- und Ressourcenlage,
verhindern. Die Verfahren
der Gemeinwesenarbeit, insbesondere des Community-Organizing
und des Community-Education wirken machtausgleichend und ressourcenbildend
und schaffen so die Voraussetzung für schrittweise Empowermenterfahrungen
Benachteiligter.
Empowerment lässt sich mit einem Gesellschaftsspiel vergleichen.
Neue SpielerInnen verschaffen sich Zugang, spielen auf ihre
Weise mit und verändern die Regeln. Nicht nur die vorher vom
Spiel Ausgeschlossenen, sondern alle MitspielerInnen müssen
sich verändern, neue AkteurInnen mit ihren Ideen und Verfahren
zulassen und sich in den Aushandlungsprozess um neue Regeln
einlassen. Empowerment als Selbsthilfe und Selbstorganisation
im politischen, sozialen und ökonomischen Bereich tangiert
die Systeme Staat, Markt und Zivilgesellschaft und deren jeweilige
Interessen und Zuständigkeiten. Sie verändert auch den Intermediären
Sektor („Dritten Sektor“) zwischen diesen Systemen und erweitert
seine Möglichkeiten.
Die Selbstorganisation von BürgerInnen orientiert sich am Eigennutz
und öffnet die Tür zum Gemeinnutz. Es ist eigensinnig und
eigenwillig. Sowohl die Ideen und Projekte ziviler Akteurinnen
und Akteure als auch die Wege zu ihrer Erreichung sind meist
unkonventionell, findig und synergetisch. Sie widersprechen
den Vorstellungen etablierter Systeme in Verwaltung, Markt
und Politik. In einem etatistischen System, als das Deutschland
bezeichnet werden kann, stößt das Engagement von BürgerInnen
außerhalb fremdbestimmter, funktionalisierter ehrenamtlicher
Einsätze im Sozialbereich keineswegs auf Entgegenkommen. Wie
verkrustete Strukturen in Wirtschaft, Wohlfahrtsverbänden,
Politik und Verwaltung Engagementbereitschaft entgegenstehen,
weist Helmut Klages in seiner lesenswerten Studie nach.
Sollen Bürgerinnen und Bürger in Selbstorganisation soziale
und ökonomische Verantwortung übernehmen, müssen sie dies
auch wirklich dürfen. Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Verbände
müssen die zivilen AkteurInnen an den Nahtstellen ihrer Handlungsfelder
oder Kompetenzbereiche zulassen und sie nicht, wie dies im
Bereich ökonomischer Selbstorganisation Praxis ist, verhindern
und vernichten, oder wie im Bereich sozialer und politischer
Selbsthilfe und Selbstorganisation üblich, vereinnahmen und
gängeln. Teilhabe der BürgerInnen erfordert die Bereitschaft
der Beteiligten aus den etablierten Systemen, sich auf Neues
lernend einzulassen und Macht zu teilen.
Dabei können alle AkteurInnen gewinnen, da neue Bündnisse und
Partnerschaften, Synergien und Innovation aus dem Mischen
der Karten entstehen können. Die Entwicklungspotentiale des
„Ditten Sektors“ – dem in der internationalen Diskussion auch
Genossenschaften zugehören, mit seinen Nahtstellen zu Staat,
Markt und Zivilgesellschaft und seinem bürgerschaftlichen
Potential beruhen auf dieser Mischung, die die Kontrolllogik
des Staates und die Kapitallogik des Marktes durch lebensweltliche
Findigkeit und soziales Kapital relativiert und lebensnahe
Lösungen generiert. Doch um dies wirksam werden zu lassen
müssen sich alle bewegen, insbesondere auch der „dritte Sektor“
selber.
Ein Beispiel:
„Neben dem Kongressgebäude, der ehemaligen stazione marittima,
in dem für fünf Tage die „questione psychiatrica“ verhandelt
werden sollte, hatte die weißgestrichene „Adriana“ angelegt
– ein jugoslawisches Passagierschiff mit 600 Betten für die
Kongressgäste. Dieses Schiff sorgte nicht nur für Unterkunft
und Verpflegung, es war vielmehr so etwas wie eine politische
Geste in Form von 20.000 Bruttoregistertonnen. Die Psychiatrie,
von Haus auf beauftragt, Schmutz und Elend zu verwalten und
das ausgeschlossene Drittel der Gesellschaft zu kontrollieren,
erhob gewissermaßen Anspruch auf Luxus, auf ein Unternehmertum
diesseits der Barriere des Sozialstaates... vier Mädchen,
die man in der Bundesrepublik in einem Heim für verhaltensgestörte
Jugendliche oder in einer Abteilung für Drogenabhängige gefunden
hätte, managten seit einiger Zeit im Rahmen der Kooperative
„Posto delle fragole“ das kleine Hotel „Tritone“ am Lido von
Triest... Nun mussten
sie abrupt von der Verwaltung eines dreißig-Zimmer-Hotels
auf ein 600-Betten-Schiff umsteigen. Ergebnis: keine Klagen
von den Gästen, aber eine totale Verunsicherung des Kreuzfahrtservices
der sechzig Angestellten, die an Routine und Hierarchie gewöhnt
waren. ...ein kleines Beispiel für eine Praxis, die in der
Lage ist, Fähigkeiten von Menschen zu entfalten, weil sie
Fähigkeiten voraussetzt..“
Zu bedenken
ist, dass es sich um ein Beispiel handelt, welches professionell
unterstützt und umfassend gerahmt ist. Es zielt seitens der
InitiatorInnen auf eine neue professionelle Praxis und auf
einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit Marginalisierten.
Seine Konfliktlinien verlaufen gegenüber der Expertokratie
der Medizin und Psychiatrie und
an den Nahtstellen von Staat und Markt sowie innerhalb
des intermediären Bereiches der sozialen- und Gesundheitsdienste,
der im Zentrum des Kräftefeldes steht.
In Deutschland
weist dieser Bereich eine hohe Staatsnähe und –abhängigkeit
auf und ist deshalb und aufgrund einseitiger Professionalisierung
nur wenig experimentierfreudig. Die traditionelle Wohlfahrtspflege
ist bemüht, das Monopol über den lukrativen, überwiegend staatsfinanzierten
„Markt der Verwertung der nicht Verwertbaren“ zu behalten,
der sich unter dem Subsidiaritätsprinzip in Deutschland herausgebildet
hat. Ich spreche von den großen Wohlfahrtsverbänden und nehme
die Landschaft der kleinen Träger unter dem Dach des Partätischen
aus. Genossenschaftliche Selbstorganisation im Sozialbereich
und damit die Emanzipation der AdressatInnen steht ihrem Interesse
entgegen. So wie Genossenschaften tendenziell den Markt ausschalten
und Kapitalinteressen neutralisieren, können sie dysfunktionale
Mittelabflüsse in wohlfahrtstaatliche Verbandsstrukturen und
Hierarchien verhindern und die Mittel unmittelbar den NutzerInnen
bzw. der Stabilisierung und Weiterentwicklung der Unternehmensaufgabe
zukommen lassen.
Der Einfluss
der Wohlfahrtsverbände im korporativen Staat íst auf lokaler
Ebene sehr wirksam, indem sozialstaatliche Zuteilungen kanalisiert
und auf deren Mühlen gelenkt werden. Auf nationaler und europäischer
Ebene jedoch wirkt er im Sinne der Verhinderung der politischen
und rechtlichen Voraussetzungen für selbstorganisierte Lösungen
etwa in Form von Sozialgenossenschaften.
Die Kultur
des Helfens der traditionellen Wohlfahrtspflege steht der
Empowermentidee ebenso im Wege wie ihre Organisationsweise.
Die traditionelle Wohlfahrtspflege ist, der Logik ihrer Organisationsweise
entsprechend, durchdrungen von dem, was Paulo Freire als „antidialogische
Kultur“ bezeichnet. Sie äußert sich nicht in repressivem,
jedoch in besorgtem, fürsorglichen Paternalismus. Empowerment
im transitiven Sinne basiert auf Dialogkultur, die mehr und
anderes meint als nur miteinander sprechen. Sie ist gekennzeichnet
von Subjekten die sich zusammenfinden um in Kooperation, in
Aktion und Refexion die Welt zu gestalten. Auch Professionelle die sich der Diskursethik
der Dialogkultur verpflichtet haben, werden es unter diesen
institutionell-organisatorischen Einbindungen sehr schwer
haben. Dies vor allem ist es, was die Empowermentdiskussion
in der psychosozialen Praxis überwiegend ignoriert.
Die ethischen Prämissen der Diskursethik im professionellen Hilfeprozess erfordern
die Anerkennung von Reziprozitätsnormen zwischen
den Beteiligten. Unabdingbare Voraussetzung ist die
apriorische Unterstellung gegenseitiger Verständigungsbereitschaft
und die kontrafaktische Akzeptanz des Postulats von Gegenseitigkeit
und Gleichheit als Voraussetzung für seine Einlösung. Reziprozitätserwartungen
auf der Basis von Grundvorstellungen der Gleichbehandlung
und Solidarität sind Bestandteile der Symmetrieerfordernisse
jeder kommunikativen Alltagspraxis „in Form von allgemeinen
und notwendigen Voraussetzungen kommunikativen Handelns. Ohne
diese idealisierenden Unterstellungen kann niemand, unter
wie immer repressiven gesellschaftlichen Strukturen verständigungsorientiert
handeln. Vor allem in der reziproken Anerkennung zurechnungsfähiger
Subjekte, die ihr Handeln an solchen Geltungsansprüchen orientieren,
sind die Ideen von Gerechtigkeit und Solidarität schon gegenwärtig.“ Die zumeist individualisierenden
Diagnosen und Bearbeitungsweisen gesellschaftlicher Exclusionsfolgen,
die Soziale Arbeit auf den Plan rufen, degradieren AdressatInnen
zu Objekten ohne dass in reziproker Anerkennung gemeinsame
Ziele und Lösungswege entwickelt werden können. Mit dieser
professionellen Haltung verstärkt Soziale Arbeit die Folgen
systembedingter Exklusionseffekte.
Eine diskursethisch fundierte Kultur der Sozialen Arbeit ist
getragen vom Vertrauen in die „Fähigkeiten des Individuums,
in eigener Kraft ein Mehr an Autonomie, Selbstverwirklichung
und Lebenssouveränität zu erstreiten – und dies auch dort,
wo das Lebensmanagement der Adressaten sozialer Hilfe unter
einer Schicht von Abhängigkeit, Resignation und ohnmächtiger
Gegenwehr verschüttet ist.“ Der Dialog zwischen
Gleichen ersetzt in diesem Professionsverständnis die Hierarchie
der Wissensstrukturen und der Definitionsmacht und stimuliert
die eigenen Kräfte der AdressatInnen. Einen Fundus für diese
Fachlichkeit des transitiven Empowerment bietet Paulo Freire´s
Theorie und Praxis der „dialogischen Aktion“, die auf Kooperation
und Kommunikation beruht.
Den Stein
ins Rollen bringen
Schauen wir aus der Perspektive Benachteiligter auf die Dynamik
des Gesellschaftsspiels, welches nicht nur die Benachteiligten
selbst aufmischt. Sie veranschaulicht nicht nur den Prozessverlauf,
sondern macht auch deutlich, wo Unterstützung– durch Professionelle
oder bürgerschaftliche BündnispartnerInnen - sinnvoll oder
notwendig sein kann.
Mit Blick auf die Ausgangssituation lassen sich zwei Zugänge
zu Empowermentprozessen unterscheiden. Als reflexiver Prozess
wirkt Selbstbemächtigung von Einzelnen und Gruppen im lebensweltlichen
Zusammenhang, wie er beispielsweise in sozialen Bewegungen
und BürgerInneninitiativen gegeben ist. Ausgangssituation
ist häufig eine krisenhafte Zuspitzung der Lebenssituation
die ein Aufbäumen und die Mobilisierung letzter Reserven verursacht:
„jetzt ist Schluss!“ In der ersten Phase des Empowerments
erfolgt aufgrund eines emotionalen und kognitiven Erlebnisses
ein Bruch mit der Alltagswahrnehmung der „erlernten Hilflosigkeit“.
Menschen treten aus ihrer Machtlosigkeit und Resignation heraus.
Der eigene Standort verändert sich dann grundlegend, wenn
die symbolische Macht von Autoritäten verblasst, „die kochen
auch nur mit Wasser“. Menschen lernen, ihren eigenen Fähigkeiten
zunehmend vertrauen zu können.
Freire bezeichnet diesen ersten Schritt des Empowerments als
„Entmythologisierung“ in dem Menschen ein transitiv-kritisches
Bewusstsein erlangen, mit dem sie die Ursachen ihrer Lebenssituation
erkennen und die Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung
gemeinsam mit anderen Betroffenen entwickeln.
Im transitiven Sinne erfolgt der Anstoß dazu von außen. Hier
geht es um eine professionelle Praxis der Förderung von Selbstbemächtigung
beispielsweise in der psychosozialen Arbeit, in der Entwicklungszusammenarbeit
oder auch der alternativen Arbeitsmarktpolitik. Zwei Komponenten
bilden gemeinsam das Zielsystem transitiven Empowerments:
die Förderung partizipatorischer Kompetenz und der Aufbau
von Solidargemeinschaften zur Einforderung und Realisierung
politischer, sozialer und ökonomischer Teilhabe. Was aber
motiviert Menschen zu partizipatorischen Akten und zum Aufbau
von Solidargemeinschaften?
Community-Organizing nach Saul Alinsky zielt insbesondere auf
diesen ersten Schritt der Mobilisierung und Artikulation eigener
und gemeinsamer Anliegen benachteiligter Menschen in einem
lokalen oder regionalen Zusammenhang. Um die Eigeninteressen
zu berühren, bedarf es nach Alinsky eines kommunikativen Zugangs
der frei von Moral und Druck ist. Es geht um Dialog, der im
Erfahrungsbereich des Menschen liegen muss. Mobilisierbar
sind die konkreten existenziellen Lebensinteressen von Einzelnen
und Gruppen in spezifischen Betroffenheitslagen, ihre Relevanzstrukturen
und nicht etwa abstrakte Zielsetzungen.
Genossenschaftliche Selbsthilfe, die eine Aussicht auf eigenständige Existenzsicherung eröffnet, ist
in diesem Sinne von höchster Relevanz für die Menschen, denen diese Möglichkeit
vorenthalten wird und denen aus ökonomischen Gründen auch
attraktive alternative Betätigungsfelder fehlen. Die Verbesserung
der eigenen und gemeinsamen materiellen Lebenssituation ist
ein zentrales Anliegen sozioökonomisch benachteiligter Menschen.
Nicht nur die Förderung von Entwicklungsperspektiven artikulationsschwacher
Menschen, diese jedoch in besonderer Weise, bedarf der kompetenten
Unterstützung. Einerseits sind die Betroffenen besonders unterstützungsbedürftig
weil sie von Entwertungserfahrungen geprägt sind, andererseits
sind die zu organisierenden Aufgaben im Kontext tragfähiger
ökonomischere Selbsthilfe und Selbstorganisation hoch komplex
und, wie noch ausgeführt werden soll, gegen sehr wirksame
Widerstände durchzusetzen. Es bedarf der professionellen Begleitung,
Förderung und Unterstützung solcher Empowermentprozesse um
nicht weitere Mißerfolgserlebnisse zu erzeugen.
Professionelle Förderungen der grundlegenden personalen Kompetenzen
benachteiligter Menschen zielen in der ersten Phase auf die
Förderung des Umdenkens und die Erweiterung von Lebensvorstellungen
z.B. mit Hilfe von Visualisierungen, paradoxen Interventionen
und der bewussten Fokussierung eigener Ressourcen und Potentiale.
In der zweiten Phase werden die AkteurInnen, getragen vom Gefühl
kollektiver Stärke fähig, Niederlagen durchzustehen, Strategien
zu entwickeln und BündnispartnerInnen zu suchen. Sie sind
fähig, in Solidargemeinschaften Ressourcen erschließen und
gestaltend Einfluss auf ihre Lebensbedingungen nehmen. Diese
Phase ist es, die insbesondere dann, wenn es sich um weniger
artikulations- und organisationsfähige Gruppen handelt, der
strategischen Unterstützung bedarf. Entwickelte Selbstorganisationsfähigkeit
erwächst auf der Basis der Lernprozesse, die in den ersten
beiden Phasen stattfinden. Die AkteurInnen werden ernst zu
nehmende VerhandlungspartnerInnen für Politik, Wirtschaft
und Verwaltung.
Neben den aktivierenden Verfahren der Gemeinwesenarbeit halte
ich folgende methodische Zugänge für geeignet, Selbstorganisationsprozesse
Benachteiligter in Gang zu setzen. Es handelt sich um erste
Schritte der personalen Stärkung, sozialen Einbindung und
Partizipationsförderung als Voraussetzung für anspruchsvollere
Formen der Selbstorganisation.
1. Unterstützungsmanagement
mit der Zielsetzung, mit und zugunsten Einzelner und kleiner
Gruppen ein solides Ressourcen-Netzwerk zu schaffen und persönliche
Befähigungen spezifisch zu stärken. Individuelle Ohnmachtserfahrungen
brechen auf, wenn benachteiligte Menschen in Austausch treten,
und in neuen Solidarzusammenhängen materielle, kognitive und
informationelle Unterstützung und emotionale Anerkennung finden.
2. Biographiearbeit:
Eine neue Standortbestimmung von Menschen mit langjährigen
Entwertungserfahrungen erfordert eine Kontextualisierung,
in der Selbst- und Problemwahrnehmungen rekonstruiert, analysiert
und dekonstruiert werden. Methoden der „Selbstnarration“ können
dazu führen, dass Menschen mit Entwertungserfahrungen ihren
Lebenslauf nicht als reine Aneinanderreihung von Misserfolgen
wahrnehmen, sondern auf die Spur ihrer Stärken und gelungenen
Lebenssituationen geraten und die strukturellen Ursachen ihrer
Misserfolge erkennen. Beispiele für eine solche Arbeit im
kollektiven Zusammenhang finden sich in
der Pädagogik der Befreiung nach Paulo Freire. Auch
sie hat ihren Kontext in der kooperativen Tätigkeit benachteiligter
Menschen.
Die auf personale Befähigung zielenden Ansätze bleiben jedoch
wirkungslos, wenn nicht materielle, rechtliche und politische
Rahmenbedingungen zur Herausbildung einer gemeinwesenökonomischen
Basisökonomie in Deutschland vergleichbar anderer europäischen
Staaten geschaffen werden. Diese Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
wurden an anderer Stelle ausführlich beschrieben.
Empowerment,
Macht und Konflikt
Wer von „Empowerment“ spricht, kann von Macht nicht schweigen,
denn wenn es um die Aneignung von Gestaltungsoptionen eher
machtloser Gesellschaftsmitglieder auf personaler, sozialer,
politischer und gar ökonomischer Ebene geht, verändert dies
die strukturell ungleiche Verteilung von Handlungsoptionen,
Ressourcen und Einflussmöglichkeiten. Es handelt sich bei
Empowerment „um einen konflikthaften Prozeß der Umverteilung
von politischer Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen
von Menschen aus einer Position relativer Machtunterlegenheit
austreten und sich ein Mehr an demokratischem Partizipationsvermögen
und politischer Entscheidungsmacht aneignen.“ Es geht bei Empowerment, wie Tilo Klöck sagt,
um die Beeinflussung der strukturell ungleichen Verteilung
von Ressourcen, Macht und Einfußnahme zugunsten Benachteiligter. Empowerment“ bewirkt Machtausgleich durch eine
veränderte Teilhabe an materiellen und immateriellen Ressourcen
zugunsten machtunterlegener Gruppen. Verändert sich die Position
von Machtunterlegenen, so ist dies nur möglich durch die Abgabe
von Macht der Überlegenen, was sich im Ergebnis nicht zwangsläufig
zu ihrem Nachteil auswirkt.
Saul Alinsky, Basisdemokrat und Vordenker der Empowermentidee
geht mit seinem Konzept des community-organizing, der Selbstorganisation
der Interessen Benachteiligter von der Perspektive sozialen
Wandels durch Konflikt und Machtumverteilung aus. Nach seiner Darlegung ist Konflikt das
Feuer unter dem Kessel der Demokratie. Der Prozess des Aufbaus
von Organisationsfähigkeit Benachteiligter vollzieht sich
durch die Bündelung ihrer Kräfte. In Strategien der Auseinandersetzung
mit dominanten Gegnern um die Durchsetzung von Zielen die
das eigene und gemeinsame Leben betreffen, erfahren sie ihre
abgestimmte, kollektive Handlungsfähigkeit um daran Schritt
für Schritt zu wachsen.
Gerade im Zusammenhang von genossenschaftlicher Selbstorganisation
und Empowerment benachteiligter gesellschaftlicher Gruppierungen,
sind die Konflikthaftigkeit des Ansinnens und die Frage der
materiellen und nichtmateriellen Voraussetzungen sehr ernst
zu nehmen.
Geht es um eigenständige Existenzsicherung von Arbeitslosen
und Armen, um Möglichkeiten genossenschaftlicher Wohnungsversorgung
derer, die im Markt keine Chancen haben, um selbstorganisierte
Alternativen zu traditionellen sozialen Diensten etc., tangieren
die Konfliktlinien die Machtzentren des korporatistischen
Staates sowie die dominanten Interessenorganisationen der
Zivilgesellschaft und des Marktes.
Die Widerstände und Verhinderungsstrategien gegen Einzelinitiativen
produktiver Eigenständigkeit sind vielfältig – was alle wissen,
die in diesem Feld agieren. Wirksamer noch sind sie gegen
die Versuche, politische Voraussetzungen für die Zulassung
und Förderung eines eigenständigen kooperativen Sektors zu
schaffen. Die Entwicklung eines solchen lokalen Basissektors
wäre eine Antwort auf zahlreiche ökonomische und soziale Fragen,
die weltweit unter den Folgen der neoliberalen Globalisierung
aufgeworfen werden.
Mit der schrittweisen Wirkung struktureller
Empowermentprozesse werden die Konfliktlinien und -schauplätze
komplexer. Gerade an den Widerständen können die Akteure wachsen
und die Empowermenteffekte verstärken sich dann. Doch an diesen
Widerständen scheitert auch die Selbstorganisation Benachteiligter
aufgrund der kumulierenden Wirkung sozialer, materieller und
kultureller Kapitalschwäche und des schwierigen Konfliktfeldes
in dem sie sich im Gegenwind behaupten muss.
Es gilt zu bedenken, dass soziale
und ökonomische Selbstorganisation Benachteiligter eine der
Konsequenzen des Endes der arbeitsteiligen sozialen Marktwirtschaft
darstellt. Sie stellt einen sehr weitgehenden Bruch mit der
Organisation zentraler gesellschaftlicher Bereiche dar und
ist auch deshalb höchst konfliktiv. Selbstorganisation ersetzt
nicht die sozialstaatliche Absicherung von Lebensrisiken,
doch ist ihre aktive Förderung eine vorrangige gesellschaftliche
Entwicklungsaufgabe um soziale Integration und eigenständige
Existenzsicherung von Menschen und die Zukunftsfähigkeit der
Gemeinwesen zu sichern.
Bürgerschaftliche Selbstorganisation ist auch zu denken im
Kontext der Neuorganisation gemeinwohlorientierter Aufgaben
(Versorgung, öffentliche Infrastruktur, low-tech-Produktion,
Bildung, Soziales, Beschäftigung und Qualifizierung, ökologische
Lösungen etc.),. Das Soziale ist Teil eines Zielsystems aus
Existenzsicherung, sozialer Integration, politischer und ökologischer
Entwicklung in konkreten lebensweltnahen Projekten und Unternehmen.
Es flankiert nicht eine gesellschaftsexterne Ökonomie, sondern
integriert Wirtschaften und Soziales in den gesellschaftlichen
Lebenszusammenhang.
Von anderen Ländern, insbesondere Italien und Frankreich oder
sogar den USA können wir viel lernen. Italien hat z.B. mit
überzeugenden Resultaten bemerkenswerte Voraussetzungen zur
Förderung des lokalen Kooperativenbereiches (u.a. Sozialgenossenschaften)
geschaffen.
In Deutschland müssen sich Genossenschaften,
sofern sie die hohen Zugangshürden überwunden haben, alternativ-
und schutzlos behaupten. Es bedarf zur Entfaltung der Potentiale
lokaler Selbstorganisation und Selbsthilfe der aktiven Förderung
auf der Basis politischen Willens und der Einbindung der unterschiedlichen
Kräfte mit dem Ziel der Stärkung der lokalen Handlungsoptionen.
Empowerment,
lokaler Konsens und empowered community
Zwei Aspekte halte ich für zentral, wenn es um community-empowerment
geht: Konflikt und Machtausgleich auf
der einen, Konsens, Kohäsion und Bündnisse - auch antagonistischer
Art - auf der anderen Seite.
Die Erhaltung
und Entwicklung der lokalen sozialen, ökologischen und ökonomischen
Grundlagen ist ein konsensfähiges Interesse, welches andere
Interessengegensätze zu überbrücken vermag. Gerade genossenschaftliche
Lösungen als multi-stakeholder- Unternehmen sind ideale Organisationen
nachhaltiger Entwicklung starker lokaler Gemeinwesen in einer
globalisierten Welt. Auf der Basis von lokalem Konsens lassen
sich die Ressourcen mit dem Ziel community-empowerment bündeln
und nutzbar machen. Damit kann der Enteignung der Gemeinwesen
durch anonyme globale Kräfte entgegen gewirkt
werden. Eine wirkliche Chance, Entwicklungen in diese
Richtung zu initiieren und tragfähig zu machen, stellt das
EU-Programm EQUAL dar, welches in diesem Band dargestellt
wird.
Genossenschaftliche Assoziationsmuster eröffnen unter den gegebenen
Bedingungen neue Möglichkeiten bürgerschaftlicher Kooperation
und Absicherung auf Gegenseitigkeit durch die produktive Nutzung
der Potenziale von Bürgerinnen und Bürgern. Bürgerschaftliche
Verantwortungsübernahme kann auch heißen, als Promotorin eigene
Kompetenzen und Ressourcen zugunsten gemeinwesenökonomischer
Lösungen einzubringen. Die Bereitschaft von BürgerInnen ihre Potentiale
für das Gemeinwesen einzubringen ist dann groß, wenn nicht
instrumentalierte Möglichkeiten und eine kooperative Infrastruktur
eröffnet werden. Denkbar und auch real vorfindbar sind u.a.
solidarische Sozialgenossenschaften, deren Mitglieder mit
und zugunsten Betroffener agieren. Die besondere Produktivität
des Genossenschaftsberiebes und die Effektivität der Sozialorganisation
sind auf den Verzicht von Gewinnausschüttungen und den Einsatz
professionellen Ehrenamtes – beispielsweise der Geschäftsführung
– sowie die intensive Vernetzung zurück zu führen. Die Mitgliederförderung
der nicht betroffenen und nutznießenden Mitglieder bezieht
sich auf immaterielle Gratifikationen – etwa die Anerkennung
von Engagement und der Zugewinn an gesellschaftlichem Einfluss. Die Verhinderungsstrategien in Gesellschaft,
Politik und Wirtschaft – auch des traditionellen Genossenschaftswesens
- stehen diesem Potential bürgerschaftlichen Engagements jedoch
immer noch entgegen.
Ein Beispiel bürgerschaftlicher Solidarökonomie:
Die Genossenschaft am Beutelweg mit ihren Tochterunternehmen hat sich in einem
Problemquartier in Trier in einem Problemquartier in Trier
in den vergangenen 11 Jahren zu einem Unternehmensverbund
entwickelt, der heute über mehr als 450 Wohneinheiten und
über Gewerbebetriebe mit mehr als 70 Arbeitsplätzen - überwiegend
in Handwerk und Dienstleistung - verfügt. in einem Problemquartier in Trier
NutzungseigentümerInnen sind die sozial und ökonomisch benachteiligten
BewohnerInnen des Stadtteils selbst. Dieser Unternehmensverbund
steht auch aufgrund seines Erfolges in einem höchst komplexen
und gefährlichen Konfliktfeld mit lokaler, regionaler und
überregionaler Poltik, organisierter Handwerkerschaft (obwohl
selbst Mitglied der Kammer), Banken, örtlicher Wohnungswirtschaft,
traditionellen Wohlfahrtsverbänden, örtlicher „Hofberichterstattung“
und vielen anderen dauerhaften oder situativen Gegnern und
Konkurrenten. Reussieren und vor allem Überleben in einem
solchen Gegenwind, heißt dass man warm angezogen sein muss.
Das aber sind die sozial benachteiligten StadtteilbewohnerInnen
nicht.
Es gibt viele Gründe dafür dass es diese Genossenschaft
und ihre Tochterunternehmen immer noch gibt. Der bedeutendste
Stabilisationsfaktor besteht jedoch in einem dichten Netz
aus PromotorInnen und bürgerschaftlich engagierten Frauen
und Männern aus allen gesellschaftlichen Schichten und Bereichen
– aus Politik, Kirche, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft
– die sich als Personen mit ihrer Arbeitskraft und ihren Verbindungen,
Ideen und Kompetenzen wie ein Schutzwall um das Projekt formiert
haben und gemeinsam mit den BewohnerInnen und NutznießerInnen
das Interesse haben, ihr Unternehmen zu verteidigen und stark
zu machen. Sie bringen ihre Zeit, ihr Engagement und ihr Know-How
in das Unternehmen ein und bewirken dadurch einen klassenübergreifenden
Brückenschlag nach dem Vorbild von Hull-House vor mehr als
150 Jahren.
Nicht nur die benachteiligten BewohnerInnen wachsen an
diesem Modell, sondern alle Beteiligten und, wie sich über
die lange Zeit zeigt, auch Gegner oder ehemalige Gegner. So
wirkt diese innovative, unkonventionelle Form lokalönomischer
Problemlösung auch auf den politischen mainstream.
Es ist eine besonders wirksame Form bürgerschaftlichen
Engagements von Frauen und Männern aus eher begünstigten Lebenslagen
die mit und für Benachteiligte an einem gesellschaftlichen
Machtausgleich arbeiten und selbstbestimmt ihre Potentiale,
Findigkeiten und Interessen einbringen und sich dadurch auch
selbst verwirklichen. Bürgerschaftliche Solidarunternehmen
könnten gerade am Ende der Erwerbsarbeitsgesellschaft ein
Modell zivilgesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten werden.
Zivile Selbstorganisation im politischen, sozialen und ökonomischen
Bereich erfordert institutionelle Öffnung, die Enthierarchisierung,
Dezentralisierung und Entdifferenzierung insbesondere lokaler
Institutionen und Organisationen. Ziel ist es, der Engagementbereitschaft
von BürgerInnen keine Verhinderungsstrukturen in den Weg zu
stellen. Die Potentiale und die Engagementbereitschaft von
BürgerInnen im lokalen Kontext brauchen
experimentierfreudige und offene Politik- und Verwaltungsstrukturen
und AkteurInnen in diesen Systemen, die aktiv nach innen und
außen für eine bürgergesellschaftliche Politikkultur der Erschließung
und Rahmung von Möglichkeiten eintreten. Ihr Interesse sollte
es sein, Selbstorganisationsprozesse insbesondere benachteiligter
Gruppen aktiv zu fördern und gerade genossenschaftlichen Lösungen
den Vorrang zu geben. Aktive Förderung heißt nicht nur finanzielle
Unterstützung der Gründungsphase, sondern umfassende Rahmung
und Überzeugungsarbeit ebenso wie eine kooperative Infrastruktur
und insbesondere die Erhaltung von Handlungsfeldern und Möglichkeiten
der Bedarfsdeckung lokaler Bevölkerung. Der Privatisierungswahn
der Kommunen stellt besonders dies in Frage. Genossenschaften
wären in vielen Bereichen eine ernst zu nehmende Alternative
die die Kontrolle über lokale Ressourcen und Optionen sichern
könnte. Als bürgerschaftliche
Assoziationen sind sie auch Alternativen zu den Abhängigkeiten
von Staat und Markt. Insbesondere im Kontext der Diskussion
um den „befähigenden Staat“ und den Überlegungen zu einer
aktivierenden Sozialpolitik wäre die aktive Förderung und
Innovation der Voraussetzungen für genossenschaftliche Lösungen
zur Neuorganisation öffentlicher und privater Belange
sowie zur Übernahme der Aufgaben, die aus veränderten
gesellschaftlichen Bedarfen resultieren, von hohem Interesse.
Es gibt
in Deutschland nach meiner Kenntnis nur wenige Beispiele aktiver
Förderung genossenschaftlicher Problemlösungen in benachteiligten
Quartieren durch kommunale Politik. Deshalb möchte ich abschließend
über positive Ausnahmen aus München berichten. Eines der Beispiele
wird in diesem Band von Marion Schöne vorgestellt:
Das Amt für Arbeit und Wirtschaft
der Stadt München fördert derzeit drei innovative Genossenschaftsunternehmen,
die benachteiligten Menschen existenzsichernde Arbeitsplätze
bieten. Die Förderung geht weit über die finanzielle Anschubfinanzierung
hinaus. Es wäre falsch, von einem „Amt“ alleine zu sprechen.
Es sind engagierte Frauen und Männer in diesem Amt, die die
Entwicklungen mit viel persönlichem Engagement aktiv vorantreiben
und auch als Personen tragen, die die Vernetzungsarbeit und
die politische Überzeugungsarbeit leisten und die Aktiven
vor Ort unterstützen.
Neben der Dienstleistungsgenossenschaft
„Hausgemacht“, sind es die in
diesem Jahr gegründeten beiden Produktivgenossenschaften unter
dem label: „made in hasenbergl“. Es handelt sich um ein mobiles
Diningunternehmen, welches Großbaustellen beliefert und um
eine Produktivgenossenschaft, die hochkarätige Terraozzoböden
insbesondere für Gewerbebauten herstellt. Beide Genossenschaften
haben durch ihre guten Geschäftsideen und die aktive Unterstützung im
lokalen Umfeld sicher gute Chancen, eigenständig und dauerhaft
tragfähig zu werden.
Impressum
Prof.
Dr. Susanne Elsen, Fachhochschule München, Leitung des Masterstudiengangs
„Gemeinwesenentwicklung, Quartiersmanagement und Lokale Ökonomie“,
Kontakt: susanne.elsen@t-online.de